https://www.faz.net/-gqe-xrhb

F.A.Z.-Konjunkturbericht : Europa tief gespalten

Der Euro-Raum und seine Sorgenkinder Bild: dpa

Deutschland ragt heraus. Die meisten anderen europäischen Volkswirtschaften schleppen sich dahin. Der Euro-Raum ist so tief gespalten wie nie seit seiner Gründung vor zwölf Jahren.

          4 Min.

          Es erscheint zweifelhaft, ob überhaupt noch von einer Konjunktur im Euro-Raum zu sprechen ist. Stattdessen zeigen sich stark auseinanderlaufende Konjunkturen. Die Durchschnittswerte, welche die EU-Kommission zur wirtschaftlichen Lage in Europa veröffentlicht, verlieren damit zunehmend an Aussagekraft. Olli Rehn, der Wirtschafts- und Währungskommissar, spricht von einer „sehr unausgewogenen Entwicklung“. Tatsächlich war das Währungsgebiet noch nie seit seiner Gründung vor zwölf Jahren so tief gespalten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          An der Euro-Peripherie stecken Griechenland, Irland, Portugal und auch Spanien in schweren Krisen; sie versuchen derzeit Rosskuren, deren Erfolg aber nicht ausgemacht ist. In der Mitte Europas ragt Deutschland als ökonomisches Kraftzentrum heraus (siehe OECD-Prognose: Deutschland wird Wachstums-Lokomotive). Daneben fällt auch Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft des Kontinents, deutlich ab. Die Zeitschrift „Economist“ hat vor kurzem eine Karikatur dazu gebracht: Der Bundesadler, mit Muskeln bepackt, steigt steil empor, während ein zerzauster gallischer Hahn kaum vom Fleck kommt.

          Gesunde Fundamente

          Woher rührt der erstaunliche Aufstieg Deutschlands so kurz nach der Krise, die im Jahr 2009 immerhin 4,7 Prozent Verlust an Bruttoinlandsprodukt (BIP) brachte? Deutschlands wirtschaftliche Fundamente waren im Wesentlichen gesund, als die Krise durch einen Außenhandelsschock das Land erfasste, betonen die EU-Ökonomen in ihrer Herbstprognose. Das Land hatte keine Immobilienblase. Mit Strukturreformen hat es in den vergangenen Jahren seinen Arbeitsmarkt flexibler gemacht, die Lohnstückkosten gesenkt. Deutsche Hightech-Produkte sind in aller Welt gefragt, vor allem aber in Asien.

          Die ursprünglich vom Export ausgehende Erholung hat nun auch die Binnenkonjunktur ergriffen. Im zweiten Quartal stieg das BIP um sensationelle 2,3 Prozent zum Vorquartal - der höchste Zuwachs seit der Wiedervereinigung -, im dritten Quartal wuchs die Wirtschaft noch um 0,7 Prozent. Zwar ist eine Verlangsamung der Exportzuwächse (zuletzt 16,5 Prozent mehr als im Vorjahr) wegen der Abkühlung der Weltwirtschaft zu erwarten, doch tragen zunehmend die Investitionen (gut 10 Prozent mehr Ausrüstungen als vor einem Jahr) sowie der Konsum (bislang noch ein mageres Plus von 1,2 Prozent). Zum Jahresende hat die deutsche Wirtschaft rund zwei Drittel des Verlusts vom Vorjahr wieder aufgeholt. Mit 3,7 Prozent Wachstum in diesem Jahr hat die deutsche Konjunkturkurve eine V-Form, was vor einem Jahr noch kaum ein Beobachter für möglich gehalten hätte. Nach der EU-Prognose sind im kommenden Jahr 2,2 Prozent und im Jahr 2012 rund 2 Prozent Wachstum möglich.

          Mäßige Stimmung und steigende Arbeitslosigkeit in Frankreich

          In Frankreich fehlt es hingegen an Dynamik: In der Krise war die private Konsumnachfrage eine Stütze, nun gibt sie aber nur noch schwache Impulse, zumal die Bürger wegen der gestiegenen Arbeitslosigkeit (10 Prozent) verunsichert sind. Die Stimmung der Unternehmen ist mäßig gut. Da viele Kapazitäten weiter nicht ausgelastet sind, sehen sie wenig Grund zu Ausbauinvestitionen. Von der starken Nachfrage aus Asien hat Frankreich, traditionell eine wenig offene Volkswirtschaft, nur schwach profitiert. Seine Exportgüter sind nach Einschätzung der EU-Ökonomen überwiegend im mittleren technologischen Bereich angesiedelt und unterliegen einem scharfen Preiswettbewerb, den viele kleinere französische Anbieter nicht bestehen. Nach EU-Prognose wird das BIP nach einem Rückgang um 2,6 Prozent in diesem und im nächsten Jahr um je 1,6 Prozent zulegen.

          Deutschland als europäische Konjunkturlokomotive gibt vor allem seinen östlichen Nachbarn positive Impulse. „Mittelosteuropa profitiert erheblich vom deutschen Aufschwung“, sagt Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit. Die Tschechen und Polen sowie die Slowaken liefern zwischen einem Drittel und einem Viertel ihrer Exporte nach Deutschland. Ihre Ausfuhr legt entsprechend kräftig zu. „Die Peripherie-Länder sind hingegen ziemlich abgehängt von der Lokomotive“, warnt Rees. Irland exportiert nur einen kleinen Anteil (8 Prozent ) nach Deutschland, auch Griechen, Spanier und Italiener kommen auf nicht viel mehr als ein Zehntel Exportanteil nach Deutschland. Der hiesige Aufschwung nützt ihnen daher nur wenig.

          Die Liste der Sorgenkinder wird immer länger

          Die Lage der Peripherie-Staaten ist weiterhin extrem schwierig. Griechenland muss nach einem BIP-Einbruch um mehr als 7 Prozent seit Beginn der Rezession im kommenden Jahr wohl weitere 3 Prozent BIP-Rückgang verkraften. Die Stimmung der Bürger und der Unternehmen ist nach den EU-Umfragen die bei weitem schlechteste in ganz Europa. Nach der Brüsseler Prognose wird Athens Schuldenquote im Jahr 2012 auf 153 Prozent des BIP steigen - die Zweifel der Märkte, ob nicht doch eine Staatspleite droht, sind groß (siehe Finanzkrise: Griechenland muss auf neue Kredite warten). Irland droht nach dem Platzen der Immobilien- und Finanzblase ein längerer und schmerzhafter Anpassungsprozess (siehe Irland erntet Zustimmung für Flucht unter den Rettungsschirm). Nach dem BIP-Rückgang seit 2008 um mehr als 11 Prozent wird die Wirtschaft im kommenden Jahr bloß stagnieren. Der Staatsschuldenberg wächst bis 2012 auf 114 Prozent vom BIP. Portugal droht 2011 abermals eine Rezession von 1 Prozent, 2012 übersteigt seine Schuldenquote 92 Prozent (siehe Portugals Notenbank rechnet mit Banken ab).

          In Spanien ächzen die Bürger unter ihrer privaten Verschuldung. Die Arbeitslosenquote liegt weiter bei 20 Prozent (unter jungen Erwachsenen sogar mehr als 40 Prozent). Entsprechend schwach entwickelt sich der private Konsum. Der einstige Wachstumstreiber Bauwirtschaft ist seit 2008 so stark geschrumpft, dass er im kommenden Jahr nur noch zwei Drittel seines früheren Volumens erreicht. EU-Kommissar Rehn nennt es „Anpassungsherausforderungen“, was tatsächlich ein äußerst schwieriger und schmerzhafter Weg sein wird. Sollte nach Griechenland, Irland und Portugal auch Spaniens Zahlungsfähigkeit von den Märkten angezweifelt werden, könnten die Erschütterungen auch Europas Zentrum treffen (siehe Euro-Krise: Und was, wenn auch noch Spanien fällt?).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unzufriedene Deutsche : Kapitalismus am Pranger

          Die Löhne sind hoch, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Sozialstaat wächst. Trotzdem glaubt mehr als jeder zweite Deutsche, dass der Kapitalismus mehr schadet als nutzt. Dahinter steckt nicht nur Gejammer.
          Eine Ära endet: Es gibt in der Union Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen und Angela Merkel, aber insgesamt zu wenig Frauen

          CDU-Vorsitz : Röttgens Frau ohne Namen

          Norbert Röttgen und Friedrich Merz versprechen für den Parteivorsitz noch tollere Teamlösungen als Armin Laschet: mit Frauen! Doch woher nehmen?

          Coronavirus : In Peking bleibt man am besten zu Hause

          In der chinesischen Hauptstadt bestimmt der Kampf gegen das Coronavirus das Alltagsleben: beim Gemüsekauf, beim Spaziergang im Park, in der Apotheke und im Internet. Manche nutzen eine Corona-App als Informationsquelle.

          Soziale Netzwerke : Hass und Fake News nach Attentaten

          Nach einem Angriff wie in Volkmarsen geht es auf Twitter hoch her: Beileidsbekundungen, Spekulationen und Wut. Dabei kommt es oft zu Falschmeldungen, die zu Verschwörungstheorien und Ressentiments führen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.