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F.A.Z.-Konjunkturbericht : Europa tief gespalten

In Frankreich fehlt es hingegen an Dynamik: In der Krise war die private Konsumnachfrage eine Stütze, nun gibt sie aber nur noch schwache Impulse, zumal die Bürger wegen der gestiegenen Arbeitslosigkeit (10 Prozent) verunsichert sind. Die Stimmung der Unternehmen ist mäßig gut. Da viele Kapazitäten weiter nicht ausgelastet sind, sehen sie wenig Grund zu Ausbauinvestitionen. Von der starken Nachfrage aus Asien hat Frankreich, traditionell eine wenig offene Volkswirtschaft, nur schwach profitiert. Seine Exportgüter sind nach Einschätzung der EU-Ökonomen überwiegend im mittleren technologischen Bereich angesiedelt und unterliegen einem scharfen Preiswettbewerb, den viele kleinere französische Anbieter nicht bestehen. Nach EU-Prognose wird das BIP nach einem Rückgang um 2,6 Prozent in diesem und im nächsten Jahr um je 1,6 Prozent zulegen.

Deutschland als europäische Konjunkturlokomotive gibt vor allem seinen östlichen Nachbarn positive Impulse. „Mittelosteuropa profitiert erheblich vom deutschen Aufschwung“, sagt Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit. Die Tschechen und Polen sowie die Slowaken liefern zwischen einem Drittel und einem Viertel ihrer Exporte nach Deutschland. Ihre Ausfuhr legt entsprechend kräftig zu. „Die Peripherie-Länder sind hingegen ziemlich abgehängt von der Lokomotive“, warnt Rees. Irland exportiert nur einen kleinen Anteil (8 Prozent ) nach Deutschland, auch Griechen, Spanier und Italiener kommen auf nicht viel mehr als ein Zehntel Exportanteil nach Deutschland. Der hiesige Aufschwung nützt ihnen daher nur wenig.

Die Liste der Sorgenkinder wird immer länger

Die Lage der Peripherie-Staaten ist weiterhin extrem schwierig. Griechenland muss nach einem BIP-Einbruch um mehr als 7 Prozent seit Beginn der Rezession im kommenden Jahr wohl weitere 3 Prozent BIP-Rückgang verkraften. Die Stimmung der Bürger und der Unternehmen ist nach den EU-Umfragen die bei weitem schlechteste in ganz Europa. Nach der Brüsseler Prognose wird Athens Schuldenquote im Jahr 2012 auf 153 Prozent des BIP steigen - die Zweifel der Märkte, ob nicht doch eine Staatspleite droht, sind groß (siehe Finanzkrise: Griechenland muss auf neue Kredite warten). Irland droht nach dem Platzen der Immobilien- und Finanzblase ein längerer und schmerzhafter Anpassungsprozess (siehe Irland erntet Zustimmung für Flucht unter den Rettungsschirm). Nach dem BIP-Rückgang seit 2008 um mehr als 11 Prozent wird die Wirtschaft im kommenden Jahr bloß stagnieren. Der Staatsschuldenberg wächst bis 2012 auf 114 Prozent vom BIP. Portugal droht 2011 abermals eine Rezession von 1 Prozent, 2012 übersteigt seine Schuldenquote 92 Prozent (siehe Portugals Notenbank rechnet mit Banken ab).

In Spanien ächzen die Bürger unter ihrer privaten Verschuldung. Die Arbeitslosenquote liegt weiter bei 20 Prozent (unter jungen Erwachsenen sogar mehr als 40 Prozent). Entsprechend schwach entwickelt sich der private Konsum. Der einstige Wachstumstreiber Bauwirtschaft ist seit 2008 so stark geschrumpft, dass er im kommenden Jahr nur noch zwei Drittel seines früheren Volumens erreicht. EU-Kommissar Rehn nennt es „Anpassungsherausforderungen“, was tatsächlich ein äußerst schwieriger und schmerzhafter Weg sein wird. Sollte nach Griechenland, Irland und Portugal auch Spaniens Zahlungsfähigkeit von den Märkten angezweifelt werden, könnten die Erschütterungen auch Europas Zentrum treffen (siehe Euro-Krise: Und was, wenn auch noch Spanien fällt?).

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