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EZB-Entscheidung : Richtiger Kurs oder Geldpolitik für Zombies?

Auf dem richtigen Weg? Mitarbeiter der EZB im Frankfurter Osten Bild: Frank Röth

Erstmals null Prozent Leitzins, höherer Strafzins auf Einlagen und noch mehr Anleihekäufe – wohin führt diese Geldpolitik? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

          Wer leidet und wer profitiert von diesen Niedrigstzinsen?

          Die Sparer sowie auch viele Banken und Versicherungen leiden. Entsprechend wütend waren die Reaktionen besonders aus den deutschen Sparkassen- und Versicherungsverbänden. Dagegen profitieren von der EZB-Nullzinspolitik all jene, die Schulden haben. Der Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sieht daher in Wahrheit hinter dem EZB-Kurs eine Umverteilungspolitik zugunsten Südeuropas. Dort würden „Zombiebanken“ von der EZB sogar mit Minuszinsen künstlich am Leben erhalten. Draghi hingegen hat betont, dass der Rat sich bei seinen Erwägungen nicht von der Situation einzelner Länder leiten lasse. Es gehe darum, Geldpolitik für die gesamte Eurozone zu machen.

          Stimmt es, dass die Banken sich jetzt zum Negativzins Geld leihen können?

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Ja. Die EZB hat vier neue große Geldleihen über vier Jahre (Draghis „Dicke Bertha“-Geldkanone) zum Nullleitzins angekündigt. Die Banken können noch einen zusätzlichen Rabatt bekommen, wenn sie viele neue Kredite an Investoren oder Verbraucher vergeben (wobei Immobilienkredite ausgeschlossen sind). Maximal soll der Zins dann tatsächlich bis hinab auf den Einlagenzins von minus 0,4 Prozent sinken.

          Einige Fachleute bezweifeln das. Der Wirtschaftsweise Volker Wieland kritisiert gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Die EZB jagt weiter dem Ölpreis hinterher.“ Es war vor allem der billige Ölpreis, der die Inflation im Februar unter null geschoben hat. Draghi selbst sagt: „Es ist keine Überreaktion auf den niedrigen Ölpreis.“ Vielmehr sei die neue Geldpolitik eine angemessene Antwort auf die sich global verschlechternden Wachstumsaussichten und die hohe Volatilität, also Schwankungen an den Finanzmärkten. Dem wirke die EZB durch ihr reiches Geldangebot entgegen.

          Haben alle Mitglieder des EZB-Rats für das Paket gestimmt?

          Nein. Bundesbank-Chef Jens Weidmann hat Bedenken, denn er sieht den Staatsanleihekauf sehr kritisch. Doch Weidmann hatte bei dieser Sitzung am Donnerstag wegen des Rotationsverfahrens kein formelles Stimmrecht (alle fünf Monate muss er im EZB-Rat aussetzen, wie andere Notenbankchefs auch). Gegen Draghis Paket haben der Niederländer Klaas Knot und die EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger gestimmt. Der Rest war wohl für Draghi – der sich über eine „überwältigende Mehrheit“ freute.

          Die EZB blickt besorgt auf die niedrige Inflation, die vom Zielwert von knapp unter 2 Prozent weit entfernt ist. Wie wird sie sich entwickeln?

          Für 2016 hat der EZB-Stab die Prognose deutlich gesenkt, auf durchschnittlich nur noch 0,1 Prozent. Für 2017 erwarten die EZB-Ökonomen nun 1,3 Prozent und für 2018 1,6 Prozent. Draghi: „Wir geben nicht auf in unserem Kampf, die Inflation zurück zum Zielwert zu bringen.“

          Was ist schlimm an niedriger Inflation?

          Die EZB-Spitze fürchtet, dass man in eine Deflation – also eine Spirale sinkender Preise – rutschen könnte. „Der wichtigste negative Effekt einer Deflation ist, dass sie das reale Gewicht von Schulden erhöht“, sagt Draghi. Bundesbank-Chef Weidmann hat deutlich gemacht, dass er keine Deflation kommen sehe.

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