https://www.faz.net/-gqe-8f4d8

Niedrigzins und Bankenmisere : EZB hält Europas Banken für zu schwach

Alles im Lot? Die EZB sieht keine Schieflage bei den anderen Banken wegen des Mindestzinses. Bild: dpa

Die Aufseher fordern von den Geldinstituten, ihre Kosten zu senken. Aus EZB-Sicht sind die extremen Niedrigzinsen nicht schuld an der Bankenmisere. Doch welche Möglichkeiten gibt es, um Ausgaben zu senken?

          3 Min.

          Europas Banken sind im internationalen Vergleich nicht profitabel genug. Sowohl die Kritiker der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) als auch deren Bankenaufseher sind sich in diesem Befund einig. Doch dafür verantwortlich machen beide Seiten unterschiedliche Ursachen.Kritik an der EZB-Geldpolitik äußerte der Sachverständigenrat der „Wirtschaftsweisen“. „Die lockere Geldpolitik kann sehr erhebliche Nebenwirkungen haben“, sagte die Bonner Professorin Isabel Schnabel, Mitglied des Sachverständigenrates, am Mittwoch in Frankfurt. Dass die Bankaktien zu Jahresbeginn so stark eingebrochen seien, liege auch an der Geldpolitik, welche die Profitabilität der Banken immer stärker unter Druck setze. Ähnlich äußerte sich Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, als er auf die Gefahren einer zu lockeren Geldpolitik hinwies. Sie könne zu Preisblasen an den Finanzmärkten führen und die Ertragslage der Banken belasten, warnte er.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dagegen sehen die Bankenaufseher der EZB weniger die Geldpolitik als Ursache für die Ertragsschwäche der Banken, sondern deren Geschäftsmodelle und die hohen Bestände an ausfallgefährdeten Krediten. Auf einer Pressekonferenz in Frankfurt sagte die oberste EZB-Bankenaufseherin Danièle Nouy, nicht nur die niedrigen Zinsen seien eine Herausforderung, sondern auch die Problemkredite. Dabei dürfte sie vor allem die Banken in Südeuropa wie etwa in Italien und Portugal im Blick haben. Denn Nouy räumte ein, dass das Problem mit notleidenden Krediten in einigen Ländern der Währungsunion weniger akut sei. Doch in anderen Ländern sieht sie noch schwerwiegende Probleme, die man möglichst rasch lösen müsse: „Eine lange Reise muss man so früh wie möglich beginnen.“

          Stabilere Verfassung als vor der Krise

          Die Herausforderungen stellen aus Sicht der Französin eine gute Gelegenheit dar, dass die Banken ihre Geschäftsmodelle grundsätzlich überprüfen. Sie sieht noch viel Spielraum, zum Beispiel bei den zu hohen Kosten. Die niedrigen Zinsen betrachtet Sabine Lautenschläger, die als zweithöchste Bankenaufseherin dem EZB-Direktorium angehört, nur als einen Aspekt unter vielen. Auch sie verwies auf die vielen Möglichkeiten, die Kosten zu kürzen. Dies könne auch über eine Digitalisierung des Bankgeschäfts erreicht werden. Gleichwohl räumte die EZB-Direktorin ein, dass abgewogen werden müsse, wann die Nachteile die Vorteile der Niedrigzinspolitik überwiegen. „Sollte das Wachstum zurückkehren, wäre ich eine der Ersten, die ein baldiges Ende fordern würde“, sagte sie.

          Zwar sieht Nouy die europäischen Banken angesichts der höheren Kapitalausstattung inzwischen in einer deutlich stabileren Verfassung als vor der Krise. Gleichwohl begründete sie die Kursverwerfungen der Bankaktien am Jahresanfang mit dem geringen Vertrauen der Investoren. Diese seien nicht wegen der Widerstandsfähigkeit der Banken besorgt, sondern um deren Ertragslage, sagte Nouy.

          Wertpapierkäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro

          Die Wirtschaftsweise Schnabel warnte als Nebenwirkung der niedrigen Zinsen auch vor einer Vermögenspreisinflation. Einige Immobilienmärkte in Europa zeigten Anzeichen von Überhitzung, so etwa in einigen deutschen Großstädten. Zudem mindere die EZB mit ihrer Niedrigzinspolitik den Reform- und Haushaltssanierungsdruck in Europa, weil die Disziplinierung durch den Marktzins wegfalle. Auch der Geldpolitikexperte Volker Wieland griff die EZB an. Es sei nicht wissenschaftlich nachvollziehbar, wenn die EZB sich zugutehalte, eine Deflation verhindert zu haben. Die Auswirkungen der Geldpolitik auf die Verbraucherpreise zeigten sich erst mit längerer Zeitverzögerung von bis zu zwei Jahren. Zwischenzeitlich nähmen aber die Risiken für die Finanzstabilität zu. Wieland bekräftigte, dass keine Deflation drohe. Die Kerninflationsrate habe sich kaum verändert und liege um ein Prozent. Auch der eher links stehende Wirtschaftsweise Peter Bofinger, der die lockere Geldpolitik lange verteidigt hatte, kritisierte die jüngsten Lockerungsmaßnahmen als „nicht mehr notwendig“. Es gebe die Gefahr, dass die EZB überziehe. „Außerdem gefährdet das die Akzeptanz in der Bevölkerung.“

          Die Zentralbank hatte kürzlich unter anderem den Leitzins auf null Prozent gesenkt und ihre monatlichen Wertpapierkäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro ausgeweitet. Zusätzlich zu Staatsanleihen kauft sie nun auch Unternehmensanleihen. Zudem hat sie neue Langfristkredite angekündigt, bei denen sich die Banken, wenn sie mehr Kredite vergeben, sogar zum Negativzins refinanzieren können. Die EZB begründet die Maßnahmen mit dem Bemühen, die derzeit unter null liegende Inflationsrate mittelfristig wieder auf ihren selbstgesteckten Zielwert von knapp 2 Prozent zu heben.

          Weitere Themen

          So funktionieren NFTs Video-Seite öffnen

          Digitaler Echtheitsnachweis : So funktionieren NFTs

          Non-Fungible Tokens (NFTs) werden immer beliebter. Sie spielen etwa beim Handel mit digitaler Kunst eine Rolle. Die Videografik erklärt, was hinter dem digitalen Echtheitszertifikat steckt und wie es funktioniert.

          Topmeldungen

          Einreise-Drama in Australien : Djokovic und der ominöse Covid-Test

          Wurden die Covid-Tests, mit denen Novak Djokovic eine Sondergenehmigung zur Einreise als Ungeimpfter erhalten wollte, vorsätzlich mit falschen Daten versehen? Die Dokumente sind mindestens dubios.
          Fernab des Luxus: Blick vom Armutsviertel Petare auf Caracas

          Wenige Reiche, viele Arme : Ein Kasino namens Venezuela

          Die Zeiten der leeren Supermarktregale sind in Venezuela vorerst vorbei. Für wenige Privilegierte gibt es jetzt wieder alles – für den großen Rest fast nichts.
          Baerbock vergangene Woche beim Treffen der EU-Außenminister in Brest

          Reise nach Kiew und Moskau : Baerbocks Befriedungsversuche

          Die deutsche Außenministerin will in Kiew und Moskau die Bereitschaft zu diplomatischen Lösungen ausloten. Doch wenn Russland den Weg der Eskalation gehe, sei man entschlossen, zu reagieren.