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Otmar Issing über die EZB : „Diese Kritik gibt es so nur in Deutschland“

Gallier inmitten von geldpolitischen Römern: Otmar Issing Bild: Bernd Roselieb / VISUM

Der frühere Chefvolkswirt der EZB beklagt provinzielle Debatten über den Präsidenten der Notenbank. Und erklärt, welche Entwicklung er für gefährlich hält.

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          Herr Issing, in Deutschland wird seit einiger Zeit Kritik an der Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank laut. Was halten Sie davon?

          Die Diskussion über die Unabhängigkeit ist völlig konfus. Die EZB ist formal unabhängiger, als es die Bundesbank war. Und die Forderungen, der nächste EZB-Präsident müsse ein Deutscher sein, sind provinziell. Das ist der sicherste Weg, um dafür zu sorgen, dass der nächste EZB-Präsident garantiert kein Deutscher wird.

          Aber droht die Geldpolitik angesichts hoher Staatsschulden und schwacher Banken faktisch in Abhängigkeit von Regierungen oder Banken zu geraten?

          Der amerikanische Ökonom Alan Blinder hat geschrieben, man habe die Notenbanken nicht unabhängig von Regierungen gemacht, damit sie abhängig von den Finanzmärkten werden. Das sehe ich auch so. Mit Versuchen, ihr künftiges Handeln schon sehr früh anzukündigen („Forward Guidance“) begibt sich die Geldpolitik in Gefahr, von Finanzmärkten abhängig zu werden. Wenn Marktteilnehmer von der Geldpolitik überrascht werden und Verluste machen, äußern sie Kritik. Damit muss eine Notenbank umgehen können. Aber es werden Grenzen überschritten, wenn die Finanzmärkte selbst Erwartungen über die künftige Geldpolitik schüren und sich die Notenbanken nicht mehr trauen, diese Erwartungen zu enttäuschen. Dann entsteht die Gefahr von Abhängigkeit.

          Kommuniziert Geldpolitik zu viel mit Finanzmärkten und zu wenig mit Bürgern?

          Die größte Herausforderung der EZB besteht darin, in einem Währungsraum mit mehr als 300 Millionen Menschen Vertrauen in die Stabilität ihres Geldes zu erzeugen. Besonders erschwerend ist, dass diese Menschen nicht die gleiche Sprache sprechen. Deshalb ist es unbedingt notwendig, dass die nationalen Notenbankgouverneure in ihren Ländern an der Vermittlung der gemeinsamen Geldpolitik mitwirken.

          Wir haben die Situation, dass die Inflationsrate außergewöhnlich niedrig ist und die Geldpolitik unter Beschuss steht. Wie kommt das?

          Deutschland ist das Land der Sparbuchsparer. Das lässt sich politisch und medial leicht ausbeuten.

          Und wie reagiert man darauf?

          Ich glaube, die EZB hat das unterschätzt. Und die Kritik an der EZB, die am Sparzins ansetzt, mischt sich mit einer Kritik am generellen Kurs der EZB. Diese beiden Dinge sind ganz unglückseligerweise miteinander verbunden.

          Warum hat die EZB das unterschätzt?

          Vielleicht, weil es diese Kritik so nur in Deutschland gibt. Wenn sich Mario Draghi umschaut, hat er die Unterstützung der meisten Notenbankgouverneure im Zentralbankrat und die Unterstützung durch den wissenschaftlichen Mainstream.

          Warum ist Geldpolitik so umstritten, wenn sie so viel Sachverstand anzieht? Man sieht sogar Wissenschaftler an der Spitze von Notenbanken.

          Axel Weber, Ben Bernanke, Janet Yellen oder Mervyn King sind Beispiele für Ökonomen, die es an die Spitze von Notenbanken gebracht haben. Aber es handelt sich um eine späte Entwicklung, früher waren dies große Ausnahmen. Die Geldpolitik ist früher weder von Akademikern noch von Bankern dominiert worden. Ich halte die gegenwärtige Entwicklung für gefährlich.

          Warum? Sie waren selbst Professor, ehe Sie Geldpolitiker wurden.

          Weil der Eindruck entsteht, Geldpolitik sei allein die Anwendung enger wissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Praxis. Ich habe zwar die ökonomische Forschung in der Bundesbank und in der EZB gefördert, und ich habe daraus großen Nutzen für die Geldpolitik ziehen können. Aber man kann nicht auf der Basis enger Modelle allein geldpolitische Entscheidungen treffen. Ich halte das für einen Irrweg. Geldpolitik bewegt sich in einer unsicheren Welt. Daran ändert die schönste Theorie nichts.

          Ist das nicht ein Problem unserer Zeit? Führende Notenbanken wie die Fed, die Bank of England und die Bank von Japan vertreten allesamt Ideen aus amerikanischen Ostküstenuniversitäten. Diese Geldpolitik wird eng auf der Basis theoretischer Modelle und zahlreicher wirtschaftlicher Daten betrieben.

          Das ist ein Ergebnis einer einseitigen Verwissenschaftlichung der Geldpolitik, die Kritik nicht zur Kenntnis nimmt und sich immunisiert. Wenn sich dieser weltweit einheitliche Kurs als falsch herausstellt, ist mit erheblichen Turbulenzen zu rechnen. Man muss aber auch einräumen, dass sich die Geldpolitik heute in einem sehr komplexen Umfeld bewegt und dass hierfür noch kein Lehrbuch existiert.

          In Deutschland hört man immer wieder, die EZB wäre früher durch deutsche Ideen gesteuert worden und befinde sich heute unter südeuropäischer Kontrolle. Ist die EZB nicht eher in ihrem Verständnis von Geldpolitik amerikanisch geworden?

          Ja, die EZB verhält sich heute wie ein Bestandteil des geldpolitischen Hauptstroms. Als Kritiker kommt man sich fast vor wie in einem gallischen Dorf.

          Und wer befindet sich noch im gallischen Dorf?

          Dort findet man fast nur noch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Es fällt immer schwerer, sich gegen den Hauptstrom zu stellen.

          Was ist Ihre Kritik am geldpolitischen Hauptstrom?

          Diese Schule vernachlässigt völlig die Rolle von Geld und Kredit in der Wirtschaft und damit die Möglichkeit von Finanzkrisen. Und es ist nicht sicher, dass inzwischen die negativen Begleiteffekte der aktuellen Geldpolitik nicht die positiven Effekte überkompensieren. Die Gefahren, die aus verzerrten Preisen an den Finanzmärkten entstehen, werden von Tag zu Tag größer. Da braut sich etwas zusammen.

          Aber solange die Inflationsrate so niedrig ist, werden sich die Geldpolitiker nicht herausgefordert fühlen.

          Der Mainstream wird erst dann wieder mit der Realität konfrontiert, wenn es einen weiteren Finanzcrash gibt. Aber dann werden die Geldpolitiker sagen, sie seien an dem Crash nicht schuld. Das Drehbuch ist schon längst geschrieben.

          Wolfgang Schäuble hat kürzlich mit Blick auf die deutsche Kritik am Nullzins gesagt: Lieber drei Prozent Inflation und drei Prozent Nominalzins als null Prozent Inflation und null Prozent Nominalzins. Folgt aus solchen Äußerungen nicht der Schluss, dass jahrzehntelange Bemühungen, das Verständnis für stabiles Geld zu wecken, vergeblich gewesen sind?

          Das kann man so sehen.

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