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Otmar Issing über die EZB : „Diese Kritik gibt es so nur in Deutschland“

Warum? Sie waren selbst Professor, ehe Sie Geldpolitiker wurden.

Weil der Eindruck entsteht, Geldpolitik sei allein die Anwendung enger wissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Praxis. Ich habe zwar die ökonomische Forschung in der Bundesbank und in der EZB gefördert, und ich habe daraus großen Nutzen für die Geldpolitik ziehen können. Aber man kann nicht auf der Basis enger Modelle allein geldpolitische Entscheidungen treffen. Ich halte das für einen Irrweg. Geldpolitik bewegt sich in einer unsicheren Welt. Daran ändert die schönste Theorie nichts.

Ist das nicht ein Problem unserer Zeit? Führende Notenbanken wie die Fed, die Bank of England und die Bank von Japan vertreten allesamt Ideen aus amerikanischen Ostküstenuniversitäten. Diese Geldpolitik wird eng auf der Basis theoretischer Modelle und zahlreicher wirtschaftlicher Daten betrieben.

Das ist ein Ergebnis einer einseitigen Verwissenschaftlichung der Geldpolitik, die Kritik nicht zur Kenntnis nimmt und sich immunisiert. Wenn sich dieser weltweit einheitliche Kurs als falsch herausstellt, ist mit erheblichen Turbulenzen zu rechnen. Man muss aber auch einräumen, dass sich die Geldpolitik heute in einem sehr komplexen Umfeld bewegt und dass hierfür noch kein Lehrbuch existiert.

In Deutschland hört man immer wieder, die EZB wäre früher durch deutsche Ideen gesteuert worden und befinde sich heute unter südeuropäischer Kontrolle. Ist die EZB nicht eher in ihrem Verständnis von Geldpolitik amerikanisch geworden?

Ja, die EZB verhält sich heute wie ein Bestandteil des geldpolitischen Hauptstroms. Als Kritiker kommt man sich fast vor wie in einem gallischen Dorf.

Und wer befindet sich noch im gallischen Dorf?

Dort findet man fast nur noch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Es fällt immer schwerer, sich gegen den Hauptstrom zu stellen.

Was ist Ihre Kritik am geldpolitischen Hauptstrom?

Diese Schule vernachlässigt völlig die Rolle von Geld und Kredit in der Wirtschaft und damit die Möglichkeit von Finanzkrisen. Und es ist nicht sicher, dass inzwischen die negativen Begleiteffekte der aktuellen Geldpolitik nicht die positiven Effekte überkompensieren. Die Gefahren, die aus verzerrten Preisen an den Finanzmärkten entstehen, werden von Tag zu Tag größer. Da braut sich etwas zusammen.

Aber solange die Inflationsrate so niedrig ist, werden sich die Geldpolitiker nicht herausgefordert fühlen.

Der Mainstream wird erst dann wieder mit der Realität konfrontiert, wenn es einen weiteren Finanzcrash gibt. Aber dann werden die Geldpolitiker sagen, sie seien an dem Crash nicht schuld. Das Drehbuch ist schon längst geschrieben.

Wolfgang Schäuble hat kürzlich mit Blick auf die deutsche Kritik am Nullzins gesagt: Lieber drei Prozent Inflation und drei Prozent Nominalzins als null Prozent Inflation und null Prozent Nominalzins. Folgt aus solchen Äußerungen nicht der Schluss, dass jahrzehntelange Bemühungen, das Verständnis für stabiles Geld zu wecken, vergeblich gewesen sind?

Das kann man so sehen.

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