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Europas Schuldenkrise : Raus aus dem Euro

Griechenland am Boden Bild: dpa

Ein Ausscheiden der Griechen aus dem Euro wird wahrscheinlicher. Aber wie könnte das funktionieren?

          3 Min.

          Heute will der griechische Präsident einen letzten Versuch unternehmen, eine Regierung zu bilden. Die Befürworter der Sparpolitik haben in Athen keine Mehrheit mehr. Die Lage ist brisant: Der Austritt der Griechen aus der Eurozone - Greek Exit - steht unversehens wieder auf der politischen Agenda.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es ist auch eine Frage an die Geduld der europäischen Freunde: Werden sie weiter viele Milliarden als Hilfe freigeben, wenn die Erfüllung der damit verbundenen Sparauflagen nicht mehr garantiert ist?

          Schon gibt es Stimmen von Politikern, die Zugeständnisse machen wollen. Von Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker bis zu Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble reicht das Spektrum derjenigen, die Griechenland jetzt Verhandlungsbereitschaft signalisieren.

          Vor zwei Jahren noch ausgelacht

          Die Bundesbank zieht eine Grenze: „Die Hilfen der Staatengemeinschaft sind Hilfen zur Selbsthilfe“, sagte Bundesbankpräsident Jens Weidmann der F.A.S. „Es sollte klar sein, dass die Grundlage entfällt, wenn Griechenland sich entscheidet, die Verabredungen nicht einzuhalten.“ Der Bundesbankpräsident warnt: „In diesem Fall wäre auch eine Refinanzierung der griechischen Banken durch das Eurosystem nicht mehr möglich.“ Wenn aber die griechischen Banken kein Geld mehr von der Europäischen Zentralbank bekämen - dann wäre Griechenland als Euroland am Ende.

          Bruttoinlandsprodukt und Arbeitslosenquote Bilderstrecke

          „Vor zwei Jahren wurde ich noch dafür ausgelacht, dass ich sagte, Griechenland wird den Euro verlassen“, sagt Hans-Joachim Voth, Ökonom und Historiker in Barcelona. „Jetzt kann keiner vor dieser Möglichkeit mehr die Augen verschließen.“

          Der Chef des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, meint, ein Euro-Austritt Griechenlands werde zwar teuer für Deutschland und hart für Griechenland. Die Alternative aber sei noch schlimmer: „Griechenland endet im Chaos, wenn das Land in der Eurozone bleibt. Es gibt nicht den Hauch einer Chance, dass Griechenland im Euroraum wettbewerbsfähig werden kann.“ Zwischen 30 und 40 Prozent müssten die Löhne und Preise in Griechenland allein fallen, um mit dem wirtschaftlich ähnlich strukturierten Nachbarland Türkei mithalten zu können, argumentiert der Ökonom. Ein undenkbares Unterfangen.

          Der Austritt bringt keine Lasten mit sich. Im Gegenteil

          Der Austritt bringt, so führt Sinn aus, für die Gesamtheit der privaten und öffentlichen Gläubiger Griechenlands keinerlei Lasten mit sich, im Gegenteil. Dies sei die einzige Chance, in Zukunft wieder Leistungsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften und damit auch die einzige Chance, dass die Gläubiger überhaupt etwas zurück erhalten.

          Nicht unrealistisch ist diese Entwicklung: Griechenland verletzt erst die Sparauflagen. „Vermutlich wird sich der Internationale Währungsfonds irgendwann weigern, noch länger Kredite auszuzahlen“, meint Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Das wäre das Ende. In Deutschland ist die Auszahlung von Mitteln aus dem Rettungsfonds rechtlich an eine Beteiligung des IWF gekoppelt.

          Ein geordnetes Verfahren zur Währungsumstellung lebte vor allem von der Geheimhaltung. Denn sobald den Griechen klar wird, dass sie ihren Euro gegen eine neue Drachme eintauschen sollen, werden sie versuchen, ihr Geld ins Ausland zu retten. Schon jetzt sind große Summen transferiert worden. Nach einem sofort gültigen Parlamentbeschluss müssten sofort Bankfeiertage zur technischen Umstellung und Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, um die Kapitalflucht zu stoppen.

          Schuldscheine als eine Art Parallelwährung

          Deutsche Bank-Volkswirt Mayer zeigt alternativ, wie sich die Griechen quasi aus der Eurozone herausschleichen könnten: Denkbar wäre, dass Griechenland seine Polizisten, Soldaten, Lehrer und Rentner mit Schuldscheinen bezahlt, wenn es kein Geld mehr aus Brüssel bekommt.

          „Griechenland kann keine eigenen Euros prägen, deshalb könnte die Regierung in einem solchen Fall Schuldscheine drucken, wie es Argentinien in einer ähnlichen Situation getan hat“, sagt Mayer. Die Schuldscheine hätten eine zunächst nicht begrenzte Laufzeit und wären mit dem Versprechen verbunden, dass die Regierung sie gegen Euro eintauschen wird, sobald das Land wieder flüssig ist.

          Die Schuldscheine würden sich zu einer Art Parallelwährung entwickeln. Lehrer, die sie als Gehalt bekommen, könnten damit im Supermarkt zahlen, wenn der Kassierer sie anzunehmen bereit ist. „Wenn die Menschen nicht ganz sicher sind, ob die Schuldscheine bedient werden, könnten sie mit einem Abschlag gehandelt werden“, meint Mayer. Der Lehrer, der eigentlich fünf Brötchen für einen Schuldschein bekommen sollte, bekäme vom Supermarktbesitzer nur vier - weil der Händler nicht sicher weiß, ob er das Geld für den Schuldschein vom Staat wiedersieht.

          „Weniger schmerzlich als der völlige Zusammenbruch“

          Griechenland hätte damit gleichsam Hart-Euros und Weich-Euros. Die wenigen Unternehmen, die auf den Export orientiert sind, hätten weiter einen Zustrom an harten Euros.

          Binnenwirtschaftlich orientierte Unternehmen wie Supermärkte aber bekämen vor allem die Schuldscheine. Der Geldkreislauf der Euroscheine würde immer kleiner, der Kreislauf der Schuldscheine immer größer. Ökonomen nennen diesen Zusammenhang das „Greshamsche Gesetz“: Schlechtes Geld verdrängt gutes. Schließlich behält jeder die harten Euros, wenn er kann, und gibt die weichen aus.

          Einen Teil der Hilfsprogramme Europas müsste umgewidmet werden, um die griechischen Banken zu retten. Nach und nach könnte sich dann die Verwaltungsstelle im griechischen Finanzministerium, die die Schuldscheine ausgibt, zu einer Notenbank entwickeln: Es wäre ein Euro-Austritt auf Raten. „Das alles wäre auch hart für viele Griechen, die ihr Vermögen verlieren“, meint Mayer. „Aber es wäre immer noch weniger schmerzlich als der völlige Zusammenbruch.“

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