https://www.faz.net/-gqe-71102

Europas Schuldenkrise : Einmal Euro, immer Euro

Diese Konstruktion verlockt jeden Mitgliedstaat, die solide Finanzpolitik hintenanzustellen. Mit der Drohung der eigenen Zahlungsunfähigkeit kann jede Regierung im Notfall versuchen, die Zahlungsbereitschaft der anderen auszureizen, man kann auch sagen, die anderen Euro-Staaten zu erpressen. Dabei geht es darum, Kosten einer manchmal doch notwendigen Haushaltssanierung so weit wie möglich auf andere Eurostaaten abzuschieben. Das ist der Fall Griechenland und Portugal und Irland und Spanien und...

„Niemals geht man so ganz“

Ob und in welchem Ausmaß die Erpressung gelingt, hängt zum einen davon ab, welchen Nutzen Regierungen und ihre Wähler sich von der Stabilität der Währungsunion versprechen. In Deutschland sind das unter anderem die Vorteile, die der Euro den Exporteuren und den im Export tätigen Arbeitern bietet. In dem Maße, in dem diese Vorteile von der Regierung durch Steuern abgeschöpft werden können, bestimmen sie zumindest theoretisch die Zahlungsbereitschaft der Kanzlerin. Das Drohpotential von stabilitätsorientierten Ländern wie Deutschland besteht ihrerseits darin, die Krisenländer nicht herauszupauken und sie in den Default zu schicken. Es ist begrenzt dadurch, dass solch ein Default weitere Euro-Staaten in den Abgrund reißen könnte. Die Kosten eines Defaults, die sich in dauerhaften Risikoaufschlägen in den Zinsen niederschlagen können, begrenzen andererseits die Verhandlungsmacht der Krisenstaaten. Diese Kosten-Nutzen-Kalküle gelten unabhängig davon, ob ein Krisenland aus dem Euroraum herausgeworfen werden kann oder nicht. Mit der Option eines Rauswurfs oder des Austritts aber verändert sich das Verhältnis von Kosten zu Nutzen. Für die Krisenstaaten steigen die Kosten, sollten die Versuche der Erpressung scheitern. Für die stabilitätsorientierten Eurostaaten erhöht sich das Drohpotential.

Mit dem Verzicht auf die Option des Austritts aus dem Euroraum vergeben die Regierungen so eine Chance, unwillige Regierungen zu einer solideren Finanzpolitik zu zwingen. Gerade deshalb sehen die beiden Autoren ihre Forderung nach klaren Austrittsregeln nicht als willkommenes Argument für die Gegner einer großen Euro-Union, sondern als Beitrag zu einer stabileren Währungsunion.

Außen vor bleibt in der Theorie, dass ein Abschied etwa von Euro-Griechenland nicht absehbare Folgen für den Zusammenhalt der Rest-Union nach sich ziehen könnte. Auf der einen Seite dürfte ein Ausschluss Griechenlands die Reformanstrengungen in Spanien oder Italien zwar beflügeln - stärker wohl als jede noch so scharfe Vorgabe aus Brüssel. Auf der anderen Seite steht die Gefahr, dass die Währungsunion insgesamt zerbräche und die Stabilitätsfreunde ihrer Exportvorteile beraubt würden. In diesem Fall kämen auf Deutschland auch gewaltige andere Kosten zu. Die Forderungen der Bundesbank im System der Europäischen Zentralbanken belaufen sich auf rund 600 Milliarden Euro. Sie wären bei einem Ende des Euro wohl hinfällig. Für solch ein Schreckensszenario nach einem Austritt Griechenlands gilt die Weisheit der verstorbenen kölschen Sängerin Trude Herr: „Niemals geht man so ganz.“

Christian Fahrholz, Cezary Wójcik: The Eurozone Needs Exit Rules, CESifo Working Paper Nr. 3845, Juni 2012.

Weitere Themen

Baustopp droht wegen zu viel Sonne

Arbeitnehmerschutz : Baustopp droht wegen zu viel Sonne

Bis zu 2,4 Millionen Beschäftigte, die im Freien arbeiten, müssen womöglich kurzfristig zur Vorsorge zum Hautarzt. Das hätte ernste Folgen fürs Handwerk und den Baubetrieb.

Kampf gegen den Dampf Video-Seite öffnen

San Francisco : Kampf gegen den Dampf

Nicht nur das Rauchen, auch die Herstellung von E-Zigaretten wird in San Francisco verboten. Eine schwierige Situation für die Ortsansässigen wie Juul Labs, einer der größten Hersteller von E-Zigaretten.

Topmeldungen

Müssen sie bald zum Hautarzt? Bauarbeiter in einer S-Bahn Baustelle in Frankfurt

Arbeitnehmerschutz : Baustopp droht wegen zu viel Sonne

Bis zu 2,4 Millionen Beschäftigte, die im Freien arbeiten, müssen womöglich kurzfristig zur Vorsorge zum Hautarzt. Das hätte ernste Folgen fürs Handwerk und den Baubetrieb.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.