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Europas Jugend : Die Kinder der Krise

Die Fast-Erwachsenen fragen sich: Wann kommt endlich der Schlussakkord der Krise? Bild: F.A.S.

Seit sie angefangen haben, sich für Politik zu interessieren, hören viele junge Menschen eine Krisenmeldung nach der anderen. Nach außen geben sie sich cool und optimistisch. Doch in Wirklichkeit plagen sie Absturzängste.

          3 Min.

          Sie kennen es gar nicht anders. Für Anna, Kathrin und Marvin war schon immer Krise. Als die heutigen Abiturienten, Auszubildenden und Erstsemesterstudenten mit 14 oder 15 Jahren erstmals die Nachrichten im Fernsehen einschalteten, als sie begannen, sich für die Welt da draußen zu interessieren, da kollabierten gerade Teile des Bankensystems. Politiker sagten in Mikrofone, sie hätten „in den Abgrund“ geblickt. Seither sind die Untergangsarien nicht verstummt. Meldungen über faule Kredite, steigende Schulden und riesige Rettungspakete beschallen die Zuhörer auf allen Kanälen, seit mehr als vier Jahren.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Diese Melodien in Moll sind eine Art Soundtrack für junge Leute, die sich auf den Beruf vorbereiten. Wann kommt endlich der Schlussakkord, fragen sie sich? Andere Generationen sind mit akuteren, lebensbedrohlichen Krisen groß geworden, mit Tschernobyl oder dem 11. September. Aber keine Krise hielt so viele Jahre an wie die der Banken, Finanzmärkte und Staatshaushalte. Welche Spuren hinterlässt das Gefühl von Dauerkrise bei den Fast-Erwachsenen? Wie geht es denen, die nur Krise kennen? „Vordergründig erstaunlich gut“, antwortet Psychologin Kirsten Juchem, „aber wenn man tiefer bohrt, stößt man auf massive Absturzängste und große Unsicherheit.“

          Jugendforscher Klaus Hurrelmann, ein Autor der jüngsten Shell-Jugendstudie von 2010, sagt: „Nach außen gibt man sich cool und zuversichtlich, aber diese Oberfläche ist extrem brüchig.“ Die Forscher zeichnen das Bild einer Generation, die sich sehr bewusst ist, dass sie in unsicheren Zeiten erwachsen wird. Sie reagiert mit einer Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und einer enormen Leistungsbereitschaft - auf keinen Fall will man zu den Verlierern der Krise gehören.

          Der Optimismus ist nur die halbe Wahrheit

          Die vordergründige Unbekümmertheit zeigt sich in den nackten Zahlen einer neueren Befragung des Bankenverbands. Neun von zehn Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren behaupten demnach, dass sie optimistisch in die Zukunft blicken. Ebenso groß ist der Anteil derer, die mit ihrem Leben „im Großen und Ganzen zufrieden“ sind. Die in Deutschland vergleichsweise guten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt und der demographische Wandel, der ihre Arbeitskraft aufwerten wird, sorgten für Zuversicht.

          Die Krise scheint den Befragten abstrakt und weit weg: Drei von vier Jugendlichen geben an, die Staatsschuldenkrise habe „keinen“ oder „kaum“ Einfluss auf ihr Leben. Zwar sind die wirtschaftlichen Verwerfungen durchaus ein Thema für sie, nur für Panik sorgen sie anscheinend nicht. Dabei traut nicht einmal die Hälfte der Jugendlichen den Politikern zu, die Probleme zu lösen und kaum jeder Zweite glaubt an den Erfolg des Euro. Kirsten Juchem merkt oft schon an der Körpersprache und Mimik ihrer jungen Probanden, dass dieser Optimismus nur die halbe Wahrheit ist.

          Die Psychologin der Kölner Marktforschungsagentur rheingold salon befragt Jugendliche nicht am Telefon, sondern zwei Stunden am Stück von Angesicht zu Angesicht. Mag ein Gegenüber auch behaupten, seine Gemütslage sei sonnig, oft verraten Schweißausbrüche und ein kalter oder schwitziger Händedruck anderes. „Manche sprechen offen über ihre Ängste, andere rücken erst nach und nach damit heraus“, sagt sie. Schon vor der Krise habe die Jugend die Sorge bewegt, der Zukunft nicht gewachsen zu sein und in Hartz IV zu landen. „Durch die Krise hat sich die Absturzangst verschärft.“

          Bilderstrecke

          Der Berliner Sozialwissenschaftler Hurrelmann beobachtet bei den Fast-Erwachsenen aber ein feines Gespür für die Klippen, die sie in der Zukunft umschiffen müssen. Die Ausweichstrategie: „Optimierung der eigenen Ausbildung“, sagt Hurrelmann. Um sich gegen Absturz und Arbeitslosigkeit - Gefahren, die durch die Krisenberieselung ständig präsent seien - abzusichern, würden Studenten nicht nur einen, sondern gleich zwei oder drei Bachelor-Abschlüsse machen, dazu einen Master. Auch bei Auszubildenden gebe es den Trend, noch etwas draufzusatteln, einen Auslandsaufenthalt oder einen weiteren Abschluss. „Kompetenzhamstern“ nennt Psychologin Juchem diese Strategie.

          Eine aktuelle Studie des Heidelberger Sinus-Instituts, für die mehrere Dutzend Jugendliche unter 18 Jahren ausführlich interviewt wurden, bestätigt die Beobachtung: Jugendliche stehen unter Druck, lautet das Fazit der Autoren. In ihrem Selbstbild ist wenig Platz für Idealismus. Die Jugendlichen nähmen wahr, dass der Wert eines Menschen primär an seiner Leistungsfähigkeit bemessen werde. Wer hart genug arbeitet, kann es schaffen - das scheint eine weitverbreitete Haltung zu sein. Im Jargon der Forscher heißt sie „Bewältigungsoptimismus“. Es ist kein überschwänglicher Optimismus, eher eine Überlebensstrategie.

          „Nicht Selbstverwirklichung, sondern Sicherheit“

          Das Resultat dieses Wettstreits ist eine Generation, die Forscher als „extrem angepasst und wandlungsfähig“ beschreiben. „Nicht Selbstverwirklichung, sondern Sicherheit sei das vorherrschende Ziel“, sagt Juchem. Die Jungen wollten möglichst schnell in die Welt der Erwachsenen hineinfinden, häufig seien die Eltern ihre Vorbilder. Rumhängen und Zeit vertrödeln ist out, Fleiß und lückenlose Tagesabläufe sind angesagt. Positiv formuliert könne man das Verhalten als konstruktiv beschreiben, sagt Hurrelmann, negativ als opportunistisch.

          Die Krise befeuert den Wettstreit. Für die Teilnehmer ist die Krise ein Katalysator der Konzentration und Konformität. Doch das sind längst nicht alle. „Sämtliche Studien zeigen, dass eine Gruppe von etwa 20 Prozent der Jugendlichen nicht mehr mithält“, sagt der Berliner Forscher Hurrelmann. Bei jedem Fünften herrsche ein soziales Deklassierungsdenken vor. In der Mehrzahl seien es junge Männer, oft aus bildungsfernen Schichten und zerrütteten Familien, die schon zu Schulzeiten nicht mehr an sich glaubten und das Gefühl hätten, abgehängt worden zu sein. Die Krise habe die Lücke zwischen ihnen und dem Rest größer werden lassen.

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