https://www.faz.net/-gqe-ypwf

Europäische Zentralbank : Die Amerikanisierung der Geldpolitik

Wirkt wie von der Rolle: Jean-Claude Trichet Bild: dpa

Lange hat die EZB durch eine pragmatische Steuerung des Geldmarkts ihren Beitrag zur Krisenbewältigung geleistet. Doch seit einiger Zeit wirkt Zentralbankchef Trichet wie von der Rolle. Die EZB nähert sich der Politik der Fed an. Das freut die Märkte, weckt aber auch Sorgen. Ein Kommentar von Gerald Braunberger.

          3 Min.

          Die seit drei Jahren währende Finanzkrise hat die Regierungen und Zentralbanken veranlasst, ungewöhnliche Wege einzuschlagen. Der wohl drastischste Verstoß gegen eherne Regeln war die Entscheidung der amerikanischen Fed, Staatsanleihen anzukaufen. Ihr folgte einige Zeit später die Bank von England. Das Verbot der Staatsfinanzierung durch die Zentralbank galt in allen Lehrbüchern als eine rote Linie, die von der Geldpolitik nicht überschritten werden durfte, weil die Staatsfinanzierung durch die Zentralbank die Unabhängigkeit der Geldpolitik gefährdet und möglicherweise Inflation erzeugt.

          Die hohe Reputation der Europäischen Zentralbank (EZB) in den ersten zwei Jahren der Krise beruhte zu einem nicht geringen Teil auf ihrer Weigerung, dem Beispiel der Kollegen in Washington und London zu folgen. Nun hat auch die EZB, offenbar gegen interne Widerstände, den Ankauf von Staatsanleihen beschlossen. Damit nähert sie sich dem prinzipienarmen Politikmodell der Fed an. Das ist ein unnötiger und unvertretbarer Schritt voller Risiken. Denn Vertrauen in eine Zentralbank baut sich nur langsam auf, aber es ist schnell und dann vielleicht dauerhaft ruiniert.

          Die Fed sieht sich traditionell eher auch als ein Teilnehmer an den Finanzmärkten als die EZB oder früher die Deutsche Bundesbank, die sich vor allem als geldpolitische Bürokratie verstehen. Daher fällt es der Fed leichter, geldpolitische Prinzipien über Bord zu werfen, um Hand in Hand mit Regierung und Wall Street zu agieren. Es ist dieses Politikverständnis, das Spekulationsblasen durch lockere Geldpolitik begünstigt hat und in der Krise die Bilanz der Fed mit Staatsanleihen und Immobilienpapieren fragwürdiger Bonität füllt. Man wird es nicht als Zufall ansehen, dass die Fed zu den unbeliebtesten Institutionen in ihrem Land zählt.

          Finanzmarkt : Rettungsschirm nimmt Druck vom Euro

          Trichet wirkt wie von der Rolle

          Die EZB hat lange Zeit durch eine pragmatische Steuerung des Geldmarkts ihren Beitrag zur Krisenbewältigung geleistet, ohne damit die Stabilität des Geldwertes zu gefährden. Doch seit einiger Zeit wirkt die Zentralbank, und nicht zuletzt ihr Präsident Jean-Claude Trichet, wie von der Rolle. Trichet wandte sich entschieden und ohne vernünftigen Grund gegen die Einbindung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Hilfen für Griechenland, ehe es der Bundesregierung gelang, den Widerstand aus Frankfurt zu überwinden.

          Mit der frühzeitigen Absage an die Möglichkeit einer Umschuldung von Staaten im Euro-Raum bekämpfte die EZB eine marktgerechte Lösung der Schuldenprobleme. Trichet war es auch, der durch eine dramatische Schilderung der Lage der europäischen Banken wesentlich dazu beitrug, dass sich der Gipfel in Brüssel am Wochenende auf ein 720 Milliarden Euro schweres Programm zur Stabilisierung des Euro-Raums verständigte. Dass sich die EZB in dieser Situation nicht dem Druck entziehen konnte, durch den Ankauf von Staatsanleihen an dem Programm teilzunehmen, hat sie sich selbst zuzuschreiben.

          De facto werden durch dieses Programm die in Südeuropa hochengagierten Banken, und dabei nicht zuletzt französische Häuser, herausgehauen. Dass der Markt dies ebenso sieht, belegen die Sprünge der Aktienkurse französischer und spanischer Banken. Die Marktteilnehmer sind natürlich hocherfreut, wenn ihnen eine Zentralbank nicht nur Geld fast zum Nulltarif zur Verfügung stellt, sondern auch noch Risiken aus Anleihen abnimmt. Zu den Aufgaben einer modernen Zentralbank gehört fraglos, auf Finanzmarktstabilität zu achten. Hier aber entsteht der Eindruck, die EZB habe sich von Geschäftsbanken instrumentalisieren lassen.

          Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit

          Die EZB betont, dass sie der Stabilität des Preisniveaus verpflichtet bleibt und aus den Anleihekäufen keine Inflationsrisiken entstehen, weil sie das durch diese Käufe geschaffene Geld im Rahmen anderer Geschäfte mit Banken wieder aus dem Markt nehmen kann. Das ist richtig, aber es ist ein rein technisches Argument.

          Entscheidend für die Sicherung des Geldwertes sind vor allem der Wille der Zentralbank und ihre Glaubwürdigkeit. Die EZB hatte es seit ihrer Gründung vermocht, sich ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zu erarbeiten, indem sie die Inflationsraten niedrig hielt. Gleichzeitig erweckte ihre Führung den Eindruck politischer Unabhängigkeit. Diese Wahrnehmung existiert spätestens seit dem Wochenende nicht mehr. Da die EZB in der Frage des Ankaufs von Staatsanleihen keinen souveränen Eindruck erweckte, muss sie sich die Frage gefallen lassen, wie sie es künftig mit der Sicherung des Geldwertes halten wird, falls die Regierungen eine höhere Inflationsrate fordern sollten.

          Noch zeigen die Indikatoren im Euro-Raum keine bedeutende Zunahme der Inflationserwartungen. Es ist auch wenig wahrscheinlich, dass sich in nächster Zeit die Inflationsrate deutlich erhöht. Aber die EZB muss jetzt konsequent darauf achten, nach ihrem Stabilitätsversprechen zu handeln und weitere Verunsicherungen der Öffentlichkeit zu vermeiden. Die EZB besaß über Jahre einen zuverlässigen Kompass. Sie sollte nicht der Fed nacheifern.

          Weitere Themen

          Stoiber schlägt Kompetenzrat vor

          EZB-Geldpolitik : Stoiber schlägt Kompetenzrat vor

          Über die Geldpolitik in der Eurozone streiten sich sogar die Gerichte. Edmund Stoiber, Peer Steinbrück und einige weitere ehemalige Politiker machen einen Vorschlag, wie im Fall von Konflikten vermittelt werden könnte.

          Topmeldungen

          Kardinal Becciu im Juni 2018

          Vatikan : Angelo Becciu gibt nach Finanzskandal Kardinalsrechte ab

          Ein riskantes Immobiliengeschäft kostet einen der mächtigsten Männer im Vatikan sein Amt: Papst Franziskus erklärt den Rücktritt von Kardinal Angelo Becciu vom Amt des Präfekten der Heiligsprechungskongregation sowie dessen Verzicht auf „die Rechte im Zusammenhang mit seinen Kardinalswürden“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.