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Europäische Schuldenkrise : Die Solidaritätsprobe für den Euroraum

Zu Jahresbeginn noch Stolz der Esten: Ein Starterpäckchen von estnischen Euromünzen Bild: Frank Röth

In den kleinen Mitgliedstaaten der Währungsunion werden die Hilfen für die Schuldenstaaten teilweise vehement kritisiert. Deutschland steht mit seiner Position nicht allein da. Ein Überblick von Helsinki bis Nikosia.

          5 Min.

          In allen Eurostaaten werden die Hilfsaktionen für die verschuldeten Mitglieder der Währungsunion intensiv diskutiert. Die Position der Regierungen hängt stark von der eigenen Verschuldungssituation ab. Länder mit weiterhin hohen Bonitätseinstufungen plädieren für strikte Verschuldungsregeln. In Staaten, die stärker von der Finanzkrise getroffen wurden, erfahren Griechenland, Portugal und Irland mehr Mitgefühl.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
          Tobias Piller
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.
          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Regierung in Österreich hat sich bisher solidarisch mit den Krisenländern verhalten. Die Koalition aus SPÖ und ÖVP unterstützt den Vorstoß von Kanzlerin Angela Merkel, eine gemeinsame Wirtschaftsregierung für die Eurogruppe einzurichten. Vor allem lobt der sozialdemokratische Kanzler Werner Faymann den Vorschlag einer Finanztransaktionssteuer, den Österreich seit Beginn der Krise befürwortet. Auch das Ziel, die Staatsverschuldung einzuschränken, sieht er als richtigen Schritt. Dabei müsse jedoch weiterhin die Möglichkeit erhalten bleiben, in Krisenzeiten antizyklisch entgegenzusteuern, wie es die deutsche „Schuldenbremse“ ermögliche. In Österreich hat sich die Regierung bislang allerdings nicht zu einer in der Verfassung verankerten Schuldenbremse durchringen können. Mit einer Schuldenlast von mehr als drei Viertel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) schneidet das Land besser ab als der Euroraum. Doch wegen der teuren Krisenbewältigung liegt es auf Rekordniveau. Der Einführung von Eurobonds steht die Regierung wegen ihres AAA-Ratings skeptisch gegenüber.

          In Finnland heißt der gute Geist „Sisu“, worunter vermeintlich nationaltypische Eigenschaften wie Beharrlichkeit und Ausdauer verstanden werden - und ziemlich genau das Gegenteil jener Angewohnheiten, die den Ländern im Süden des Euroraums ihre Schuldenberge eingebracht haben. So wurde in diesem Frühjahr die Partei der „Wahren Finnen“ mit ihrem Protest gegen die Hilfspakete für Griechenland und Portugal zur zweitstärksten politischen Kraft. Finnland ist 1998 als einziger nordeuropäischer Mitgliedstaat der EU der Währungsunion beigetreten und gilt dank seiner strikten Haushaltsdisziplin seither als deren Musterschüler. Viele Finnen erinnern sich daran, dass auch Deutschland und Frankreich schon gegen die Maastricht-Kriterien verstoßen haben, und stehen ihrer Dominanz im Krisenmanagement skeptisch gegenüber. Nach ihrer alten Währung sehnen sich die Finnen anders als die Deutschen kaum zurück. Doch die Nordeuropäer haben mit ihrer Mark in den Nachkriegsjahrzehnten zu viele Abwertungen erlebt, um die Vergangenheit zu verklären.

          Die Inselrepublik Malta, kleinstes Mitgliedsland der Währungsunion, schätzte die Mitgliedschaft in der Währungsunion in Zeiten der Finanzkrise. Damals wurde der Euro als Schutzschild gegen Spekulationswellen gesehen, die ansonsten schnell die eigenständige Währung überrollen könnten. Nun sorgen sich die international denkenden Ökonomen in Malta dagegen um die Stabilität des Euro. Dabei zeigt man immer weniger Verständnis für langwierige Hängepartien zwischen Italien, Frankreich und Deutschland. Es habe wenig Sinn, über Verantwortlichkeiten für die Vergangenheit zu streiten, wenn es um die Stabilität der Währung gehe, sagt einer von ihnen. Wichtig sei es, den Euro schnell zu stabilisieren und danach aber strenge Regeln und harte Sanktionen für die Haushaltsführung zu etablieren. Trotz des Bürgerkrieges im benachbarten Libyen und der Turbulenzen um Italien sieht sich Malta als wirtschaftlich stabil, mit einem Haushaltsdefizit 2011 von unter 3 Prozent des BIP und Schulden von 68 Prozent des BIP. Der Durchschnittsmalteser ist daher auch besorgt darüber, wie weit sein Land für einen Rettungsfonds und weitere Rettungsaktionen zahlen muss.

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