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Eurokrise und ihre Folgen : Das Damoklesschwert der Euroaufwertung

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Gelingt die Überwindung der Staatsschuldenkrise im Euroraum, gilt somit für den Euro, was die Menschen von einer wieder einzuführenden D-Mark heute schon fürchten: Er wird so stark aufgewertet, dass er die Prosperität des Euroraums zerstört. Anders ausgedrückt: Die gegenwärtige Prosperität der deutschen Wirtschaft ist gemäß dem Keynes-Szenario Folge eines schwachen Euro, der seinerseits auf die Staatsschuldenkrise zurückzuführen ist. Damit ist das Ziel einer Prosperität des Euroraums nicht zu erreichen: Entweder die Staatsschuldenkrise bleibt -, und damit eine Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent in den mediterranen Ländern - oder diese wird überwunden, und dann vernichtet der hohe Eurokurs die Prosperität.

Welchem der beiden Szenarien entspricht die reale Welt?

Gemäß dem Keynes-Szenario steht damit dem Euroraum eine Art „Japanisierung“ ins Haus: Die Produktionskapazitäten sind chronisch unterausgelastet, sprich, es herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Eine Art schleichende Deflation bei sinkender Bevölkerung macht Investitionen trotz sehr niedriger Nominalzinsen relativ unattraktiv. Welchem der beiden Szenarien, Friedman oder Keynes, entspricht die reale Welt? Mit Sicherheit kann das heute niemand sagen. Auch die Profession der Ökonomen ist hier gespalten.

Ich selbst bin der Meinung, dass das Keynes-Szenario realistischer ist. Mir ist bewusst, dass insbesondere in Deutschland die Mehrheit der aktiv forschenden Makroökonomen dem Friedman-Szenario zuneigt. Ich habe die Gründe für meine Auffassung in anderen Publikationen dargelegt, unter anderem in der F.A.Z. am 4. Juni 2010. Im angelsächsischen Bereich gibt es unter aktiv forschenden Makroökonomen einen wesentlich größeren Anteil, der dem Keynes-Szenario zuneigt, wenn er dort auch eine Minderheit bildet.

Der Kapitalmarkt zeigt durch seine Preisbildung, dass er an das Keynes-Szenario glaubt. Wenn die Nominalrendite für Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bei 1,3 Prozent im Jahr liegt, dann prognostiziert der Kapitalmarkt ein Niedrigzinsumfeld für mindestens sieben bis acht Jahre. Andernfalls wäre eine Anlage in Bundesanleihen bei dieser schmalen Nominalrendite nicht zu rechtfertigen. Kann ein Währungsgebiet, wie das des Euro mit hoher privater Sparneigung und schrumpfender Bevölkerung, der Aufwertungsfalle entgehen, indem es durch Devisenmarktinterventionen die Wettbewerbsfähigkeit aufrechterhält und somit hohe Exportüberschüsse „zementiert“?

Zwei Vorbilder

Hierzu gibt es insbesondere zwei Vorbilder: China und die Schweiz. Die sehr gut funktionierende Marktwirtschaft der hoch-industrialisierten Schweiz geriet in Gefahr, weil der Schweizer Franken als „Fluchtwährung“ in die Höhe zu schießen drohte. Schließlich griff die Schweizerische Nationalbank ein und verkündete, dass sie durch Devisenmarktinterventionen dafür sorgen werde, dass der Euro nicht unter 1,20 Franken sinkt. Das war wirksam - und es wurde politisch vom Ausland auch toleriert. Zwar gab es im Euroraum ein gewisses Naserümpfen, aber für die Vereinigten Staaten waren diese Aktivitäten der Schweizer willkommen, weil sie letztlich zu einer Stärkung des Euro gegen den Dollar beitragen.

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 Unsere Autorin: Anna-Lena Ripperger

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