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Euro-Krise : Und was, wenn auch noch Spanien fällt?

Bild: F.A.Z.

Uns muss keiner retten, sagt Spaniens Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero. Und warnt die Spekulanten, gegen sein Land zu wetten. Doch die Anleger ziehen ihr Geld ab. In Europa herrscht Angst vor der Angst.

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          Kommenden Donnerstag ist es so weit. Spanien will sich wieder Geld leihen an den Märkten – das erste von drei Malen noch in diesem Jahr. Bis vor kurzem war das kein Problem, das Land galt als solvent, eine sichere Anlage. Jetzt ist alles anders. Das sieht man schon daran, dass Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero sich hinreißen ließ, gegen die Spekulanten zu wettern, die sein Land in den Blick genommen haben. „Die Investoren, die gegen Spanien wetten, liegen falsch und handeln gegen ihr eigenes Interesse“, sagte er Freitag in einem Radio-Interview. Und schloss „kategorisch“ aus, dass Spanien Hilfe der anderen Euroländer benötige.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das klingt vertraut. Andere Länder haben Ähnliches behauptet, bevor sie doch unter den rettenden Schirm hüpften. Eine vertrauensbildende Maßnahme war Zapateros Interview deshalb nicht.

          Misstrauisch stimmt außerdem, dass Insider beginnen, über eine Ausweitung des Rettungsfonds der Euroländer zu spekulieren. Zum Beispiel Bundesbankpräsident Axel Weber. Am Mittwochabend sagte er in Paris über den Rettungsschirm zwar: „750 Milliarden müssten meines Erachtens reichen, um den Markt zu überzeugen, dass eine Attacke auf den Euro nicht erfolgversprechend ist.“ Doch dann fügte er an: Wenn das nicht reiche, dann werde man dieses „Commitment“ erhöhen müssen.

          „Die Investoren, die gegen Spanien wetten, liegen falsch”: Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero

          Den Rettungsschirm ausweiten? Wenn die Nervosität umgeht, fragen alle nur noch: Für wen? Webers Bemerkung sorgte für viel Unruhe – so viel, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble sich zum Gegenhalten genötigt sah: „Es wird unheimlich viel spekuliert, da gewinnen auch ganz abseitige Äußerungen plötzlich eine Bedeutung.“ Dass der Finanzminister Verlautbarungen des Bundesbankpräsidenten „abseitige Äußerungen“ nennt, hat man auch noch nicht gehört.

          Europa ist nervös. Es geht die Angst um vor der Angst der anderen – der Angst der Spekulanten, der Investoren, der Anleger. Die Zahl der Menschen, die dem spanischen Staat noch Geld leihen wollen, sinkt. Die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen lagen am Freitag auf dem höchsten Stand seit 2002. Mehr als fünf Prozent muss Spanien nun zahlen. Beinahe doppelt so viel wie Deutschland. Vor einem Monat waren es erst knapp über vier Prozent gewesen.

          Als ob einer im Saal Feuer ruft

          Die Frage lautet für Pessimisten deshalb nicht mehr, ob Spanien Hilfe braucht, sondern nur noch, wann. „Spanien könnte innerhalb einer Woche in Not geraten“, sagt etwa Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies in Brüssel. Wenn die Anleihegläubiger misstrauisch würden, komme der Absturz ganz schnell. „Das ist, als ob einer in einem Saal Feuer ruft – dann will jeder zuerst an der Tür sein.“

          Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, rechnet ganz nüchtern vor, wann es so weit sein könnte. „Für einen Zehn-Jahres-Kredit aus dem Rettungsfonds zahlt ein Land etwa 7,1 Prozent Zinsen“, sagt er. „Wenn das Land am freien Markt deutlich mehr zahlen muss, wird der Rettungsfonds lukrativ.“

          Noch ist der Abstand zu diesen 7,1 Prozent groß für die Spanier. Anders als etwa für Griechenland, Irland oder auch Portugal. Die Frage ist, wie lange das so bleibt. Der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest, der in Oxford lehrt, glaubt zwar, dass Spanien eigentlich keine Hilfe benötigt. Doch er sagt auch: „Das größte Problem ist die Angst vor der Angst.“ Es ist wie bei einem Sturm auf die Banken: Es geht nicht darum, ob man selbst glaubt, dass Spanien solvent ist. Es geht darum, was man glaubt, was die anderen glauben. „Wenn ein Investor denkt, alle anderen werden nervös, dann ist es für ihn vernünftig, sein Geld abzuziehen – auch wenn er selbst Spanien für solide hält.“

          Dass solche Gedankenspiele in Mode sind, erfreut die Spanier gar nicht. Schließlich hatte man sich dort ganz gut in Schuss gefühlt. Mit rund 63 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt die Staatsverschuldung niedriger als in Deutschland. Spanische Banken waren zudem kaum in Subprime-Papieren engagiert und relativ solide, da sie streng beaufsichtigt sind und zur Absicherung ihrer Kredite hohe Rückstellungen bilden mussten.

          Klar ist: Es ist viel

          Trotzdem sind es genau diese Banken, die auf einmal in den Blick geraten. Der spanische Ökonom Luis Garicano, der an der London School of Economics lehrt, sagt: „Die große Unsicherheit kommt vom Häusermarkt. Dort werden die Preise deutlich sinken müssen.“ Das führt zu Anpassungen für die Banken, von denen keiner genau weiß, wie hoch sie sein werden. Mal heißt es fünf Prozent, mal 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Klar ist: Es ist viel.

          Wie es so weit kommen konnte, ist eine Geschichte, die Garicano so erzählt: Die Spanier haben mehrmals Zeiten hoher Inflation erlebt, in der fast alles seinen Wert verlor. So entwickelten sie eine Liebe zum Haus, immerhin etwas, das man sehen und anfassen kann, was doch so leicht nicht an Wert verlieren könne. Angestachelt wurde das durch die Einführung des Euro – und die darauf folgenden niedrigen Zinsen. Kredit war auf einmal so günstig zu haben, dass die Spanier zugriffen: Am Ende lag die private Verschuldung bei 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Wir dachten, wir wären das Florida Europas. Jeder würde hier ein Haus haben wollen“, sagt Garicano. Sei es als Urlaubsresidenz, sei es als Alterswohnsitz. „Das war vollkommen übertrieben.“

          Seit der Bauboom mit der Finanzkrise sein abruptes Ende fand, steckt das Land in der Misere. Zwangsversteigerungen, leerstehende Häuser. Die Bauindustrie, in der bis vor kurzem jeder fünfte Arbeitsplatz entstand, liegt am Boden. Und die Banken, die den Immobilienboom finanziert haben, bleiben auf ihren Krediten sitzen. Wenn das so weitergeht, könnte das erst für die Banken und dann für den Staat zum Problem werden.

          „Schlimmer als das, was auf die Lehman-Pleite folgte“

          Deutschland muss das kümmern. „Würde Spanien bankrottgehen, gäbe das eine Wirtschaftskrise, schlimmer als das, was auf die Lehman-Pleite folgte“, sagt Ökonom Fuest. „Da könnte das Wachstum schnell mal um fünf Prozent einbrechen.“ Deshalb ist er sicher: „Sollte Spanien Hilfe benötigen, wird es diese bekommen.“

          Die derzeitigen Hilfen der Euroländer würden wohl nicht reichen. Juergen Donges, einstiger deutscher Wirtschaftsweiser, der 1940 im spanischen Sevilla geboren wurde und gerade in Madrid weilt, rechnet vor: „Die spanische Wirtschaft ist neunmal so groß wie die irische. Wenn Spanien den gleichen Finanzbedarf hätte, benötigte das Land neunmal so viel Hilfe: mehr als 700 Milliarden Euro.“ Der Rettungsfonds der Europäer, obwohl mit 750 Milliarden Euro ausgestattet, kann nur zwischen 400 und 500 Milliarden Euro an Krediten vergeben. Den Rest benötigt er als Sicherung, um sich selbst durch AAA-Anleihen finanzieren zu können. Schließlich garantieren nur die akzeptable Zinsen.

          Das erklärt die Nervosität der Politiker in Deutschland. Sie wissen nicht, wie sie es der Bevölkerung vermitteln sollten, wenn die unbeliebten Hilfen aufgestockt würden. Alles hängt daran, dass es Spanien gelingt, den Anlegern Vertrauen einzuflößen. Luis Garicano zumindest ist sicher, dass das klappt: „Der spanische Staat ist zahlungsfähig. Die drei großen Banken sind zahlungsfähig.“ Und wenn eine der kleineren in Schwierigkeiten geraten sollte, dann könne man die ruhig auch mal pleitegehen lassen.

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