https://www.faz.net/-gqe-6l9cy

Euro-Krise : Und was, wenn auch noch Spanien fällt?

Dass solche Gedankenspiele in Mode sind, erfreut die Spanier gar nicht. Schließlich hatte man sich dort ganz gut in Schuss gefühlt. Mit rund 63 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt die Staatsverschuldung niedriger als in Deutschland. Spanische Banken waren zudem kaum in Subprime-Papieren engagiert und relativ solide, da sie streng beaufsichtigt sind und zur Absicherung ihrer Kredite hohe Rückstellungen bilden mussten.

Klar ist: Es ist viel

Trotzdem sind es genau diese Banken, die auf einmal in den Blick geraten. Der spanische Ökonom Luis Garicano, der an der London School of Economics lehrt, sagt: „Die große Unsicherheit kommt vom Häusermarkt. Dort werden die Preise deutlich sinken müssen.“ Das führt zu Anpassungen für die Banken, von denen keiner genau weiß, wie hoch sie sein werden. Mal heißt es fünf Prozent, mal 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Klar ist: Es ist viel.

Wie es so weit kommen konnte, ist eine Geschichte, die Garicano so erzählt: Die Spanier haben mehrmals Zeiten hoher Inflation erlebt, in der fast alles seinen Wert verlor. So entwickelten sie eine Liebe zum Haus, immerhin etwas, das man sehen und anfassen kann, was doch so leicht nicht an Wert verlieren könne. Angestachelt wurde das durch die Einführung des Euro – und die darauf folgenden niedrigen Zinsen. Kredit war auf einmal so günstig zu haben, dass die Spanier zugriffen: Am Ende lag die private Verschuldung bei 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Wir dachten, wir wären das Florida Europas. Jeder würde hier ein Haus haben wollen“, sagt Garicano. Sei es als Urlaubsresidenz, sei es als Alterswohnsitz. „Das war vollkommen übertrieben.“

Seit der Bauboom mit der Finanzkrise sein abruptes Ende fand, steckt das Land in der Misere. Zwangsversteigerungen, leerstehende Häuser. Die Bauindustrie, in der bis vor kurzem jeder fünfte Arbeitsplatz entstand, liegt am Boden. Und die Banken, die den Immobilienboom finanziert haben, bleiben auf ihren Krediten sitzen. Wenn das so weitergeht, könnte das erst für die Banken und dann für den Staat zum Problem werden.

„Schlimmer als das, was auf die Lehman-Pleite folgte“

Deutschland muss das kümmern. „Würde Spanien bankrottgehen, gäbe das eine Wirtschaftskrise, schlimmer als das, was auf die Lehman-Pleite folgte“, sagt Ökonom Fuest. „Da könnte das Wachstum schnell mal um fünf Prozent einbrechen.“ Deshalb ist er sicher: „Sollte Spanien Hilfe benötigen, wird es diese bekommen.“

Die derzeitigen Hilfen der Euroländer würden wohl nicht reichen. Juergen Donges, einstiger deutscher Wirtschaftsweiser, der 1940 im spanischen Sevilla geboren wurde und gerade in Madrid weilt, rechnet vor: „Die spanische Wirtschaft ist neunmal so groß wie die irische. Wenn Spanien den gleichen Finanzbedarf hätte, benötigte das Land neunmal so viel Hilfe: mehr als 700 Milliarden Euro.“ Der Rettungsfonds der Europäer, obwohl mit 750 Milliarden Euro ausgestattet, kann nur zwischen 400 und 500 Milliarden Euro an Krediten vergeben. Den Rest benötigt er als Sicherung, um sich selbst durch AAA-Anleihen finanzieren zu können. Schließlich garantieren nur die akzeptable Zinsen.

Das erklärt die Nervosität der Politiker in Deutschland. Sie wissen nicht, wie sie es der Bevölkerung vermitteln sollten, wenn die unbeliebten Hilfen aufgestockt würden. Alles hängt daran, dass es Spanien gelingt, den Anlegern Vertrauen einzuflößen. Luis Garicano zumindest ist sicher, dass das klappt: „Der spanische Staat ist zahlungsfähig. Die drei großen Banken sind zahlungsfähig.“ Und wenn eine der kleineren in Schwierigkeiten geraten sollte, dann könne man die ruhig auch mal pleitegehen lassen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Abwärtstrend der Union : Die verlorene Heimat

Für viele in der Union war Schwarz-Grün mal eine moderne Idee. Jetzt wächst die Angst, dass die Grünen übermächtig werden – und sie selbst als Juniorpartner enden.
Unser Sprinter-Autor: Oliver Georgi

F.A.Z.-Sprinter : Wer kann SPD-Vorsitz?

Während es bei der SPD zum nächsten Duell um den Vorsitz kommt, läuft es bei den Grünen prächtig. Es steht sogar die Frage nach der Kanzlerkandidatur im Raum. Was sonst noch wichtig wird, der F.A.Z.-Sprinter.
Die Polizei nimmt an der Polytechnischen Universität in Hongkong Protestierende fest.

Krise in Hongkong : Unter Belagerung

Hunderte Hongkonger Aktivisten harren auf dem Campus der Polytechnischen Universität aus. Die Polizei hat das Gelände umstellt – und droht mit dem Einsatz scharfer Munition.

DFB-Team vor EM 2020 : Der Zauber lässt sich nicht zurückholen

Vor der EM 2020 sollen bei der DFB-Elf die Kräfte von 2010 reanimiert werden. Die Analogie liegt auf der Hand. Wie damals wurde die Auswahl verjüngt, Hierarchien wurden aufgebrochen. Doch so leicht ist das nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.