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Euro-Krise : EZB in Erklärungsnot

  • -Aktualisiert am

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt: Das Vertrauen schwindet Bild: Foto Verena MŸller

Seit die Europäische Zentralbank Staatsanleihen kauft, ist sie eine detaillierte Rechtfertigung schuldig geblieben. Investoren hoffen auf ein unbegrenztes Kaufprogramm. Ein Horrorszenario für viele Stabilitätspolitiker.

          Für Jean-Claude Trichet wird es einer der heikelsten Auftritte seiner Amtszeit. Im Anschluss an die Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) wird der EZB-Präsident an diesem Donnerstag auf der Pressekonferenz einen Balanceakt leisten müssen. Seit dem 10. Mai kauft die EZB Anleihen vornehmlich aus Griechenland, Portugal und Irland, um den - wie es in der offiziellen Sprachregelung heißt - „dysfunktionalen Markt“ zu stabilisieren. Bislang ist die EZB detaillierte Rechtfertigungen für diesen noch vor wenigen Monaten undenkbaren Markteingriff schuldig geblieben. Auch Details zum geplanten Umfang und zur Dauer des Programms sind unbekannt.

          Für die Märkte ist das ein heikles Thema, da der Handel mit Staatsanleihen aus Griechenland und Portugal derzeit nahezu vollständig von den Käufen der EZB abhängt. Die Investoren hätten wohl am liebsten, dass die EZB zu Umfang und späterem Ausstieg aus dem Programm eine möglichst flexible Position einnimmt, heißt es in einer Analyse der Deutschen Bank. Potentiell könnte die EZB das Kaufprogramm in unbegrenzter Höhe fortsetzen, zumal sie das durch den Ankauf der Anleihen geschaffene Geld durch umgekehrte Leihegeschäfte mit den Banken wieder einsammelt. Nach und nach baut die EZB auf diese Weise allerdings große Positionen mit verlustanfälligen Anleihen der finanzschwachen Euro-Länder auf. Bislang hat sie dafür mehr als 40 Milliarden Euro ausgegeben.

          Vertrauensverlust der Zentralbanken

          Ein unbegrenztes Kaufprogramm ist ein Horrorszenario für viele Stabilitätspolitiker. Eine klare Gegenposition zu Trichet hat Bundesbank-Präsident Axel Weber eingenommen. Schon am Tag der ersten Anleihekäufe warnte er vor stabilitätspolitischen Risiken der Käufe und zog damit den Ärger der meisten anderen Mitglieder des EZB-Rats auf sich. Kürzlich wiederholte Weber die Kritik und forderte für das Kaufprogramm enge Schwellenwerte. Gerade die, so kritisieren einige Analysten der Banken, würden aber die stabilisierende Wirkung des Kaufprogramms entkräften.

          Andererseits bezahlen die Notenbanken die Stabilisierung mit einem Verlust an Ansehen und Vertrauen. Je länger Banken- und Schuldenkrise dauerten, desto wahrscheinlicher werde eine Vertrauenskrise der Zentralbanken, warnt Joachim Fels, Chefvolkswirt bei Morgan Stanley. Rücksicht auf die Stabilität der Staatsfinanzen und des Finanzsystems könne es für die Zentralbanken schwierig machen, aufkommende Inflationsrisiken zu bekämpfen. Noch seien die Teuerungsraten in Amerika und im Euro-Raum gering. Doch die Entwicklung im Vereinigten Königreich, wo die Inflationsrate deutlich über dem Zielwert liegt, könnte ein Vorbote sein. Der steigende Goldpreis und schwache Wechselkurse zeugten von einem schwindenden Vertrauen.

          Den Leitzins wird die EZB am Donnerstag und voraussichtlich auch danach für längere Zeit mit 1 Prozent unverändert lassen. Möglicherweise werde es weitere Leihegeschäfte über drei und sechs Monate geben, bei denen die Banken jede gewünschte Summe zum Leitzins erhalten, vermutet die Citigroup. Im Juli wird der erste einjährige Langfristtender mit einem Volumen von 442 Milliarden Euro fällig. Das könne zu einer Verknappung der Liquidität führen.

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