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Euro in der Krise : Mehr als nur eine Abwertung

Bricht die Brücke? Bild: AP

Der Fall des Eurokurses lässt einige Beobachter frohlocken: Dies stimuliere die Exportindustrie und sei positiv für die Wirtschaft der Zone. Doch tatsächlich geht es mittlerweile um mehr: Die Gemeinschaftswährung steht vor ihrer ersten wirklichen Existenzkrise.

          5 Min.

          Der Euro steht in den vergangenen sechs Monaten deutlich unter Druck. Zwar hat er sich am Donnerstagmorgen von seinen Tagestiefs etwas erholt, doch liegt er mit rund 1,28 Dollar auf dem niedrigsten Stand seit März 2009.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das ist an sich eine gute Nachricht, machte der starke Eurokurs es den exportorientierten Ländern der Währungsgemeinschaft das Leben schwer, wozu auch Deutschland gehört. Für die schwachen Staaten des Südens hat die Aufwertung der vergangenen Jahre sogar einen deutlichen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit gebracht.

          Abwertungsthese mit Haken

          Doch die These, dass eine Abwertung positiv für die Wirtschaft der Eurozone sei, geht in der aktuellen Krise von einer grundlegenden Annahme aus, die in dieser Weise nicht mehr zutrifft. Denn ein niedriger Wechselkurs ist nur dann von Vorteil, wenn die Währung als solche stabil bleibt. Doch derzeit steht mehr auf dem Spiel als der Kurs des Euro - es ist vielmehr die Währung selbst, die in Frage gestellt ist.

          Jochen Sanio, Präsident der Finanzaufsicht Bafin sprach jüngst gar von einem Angriffskrieg gegen die Eurozone , der über wirtschaftliche Erwägungen weit hinausgehe (vgl. Schuldenkrise: Die Bundesbank schlägt Alarm). Auch wenn man das Verschwörungsszenario in Frage stellen kann, so trifft es den Ernst der Lage.

          Denn die Ansicht, die Währungsunion sei aufgrund der Diskrepanz zwischen supranationaler Währung und nationaler Wirtschaftspolitik und des drastischen wirtschaftlichen Gefälles zwischen den Regionen, für die die politischen Entscheidungsträger verantwortlich sind, kein stabiles Gebilde ist bei Ökonomen und Anlegern weit verbreitet.

          Die Währungsunion ist auch eine Schuldenunion

          Staaten, die in Finanzierungsprobleme geraten werten für gewöhnlich ab und senken die Zinsen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und ihre Binnenwirtschaft zu stimulieren. Diese Option hat kein einzelnes Mitglied der Eurozone mehr. Wer zahlen muss, muss sich das Geld nur noch auf fiskalischem Weg beschaffen: durch sparen und höhere Steuern. Das wirkt aber deflationär und triebt die Wirtschaft tiefer in die Rezession.

          Die andere Möglichkeit ist die Umverteilung von stärkeren zu schwächeren Staaten. Doch die Währungsunion ist auch eine Schuldenunion, in der die großen Staaten überproportional zur Verschuldung beitragen: der Anteil der vier am geringsten verschuldeten Staaten des Währungsraums (Finnland, Slowenien, die Slowakei und Luxemburg) beträgt rund 3,4 Prozent, der der vier am stärksten verschuldeten (Italien, Griechenland, Belgien und Frankreich) 44,7 Prozent.

          Nimmt man die jeweils sechs Staaten der Rangliste, so gehört auf der Negativseite auch Deutschland dazu, wo nach jüngsten Aussagen des Städte- und Gemeindebunds mehr als die Hälfte aller Kommunen nicht mehr in der Lage ist, ihre laufenden Ausgaben zu decken. Dann verschieben sich die Anteile am Bruttoinlandsprodukt der Eurozone auf 15,3 zu 73,4 Prozent.

          Gemeinsam sind wir schwach

          Werden vor dem Bankrott stehende Staaten durchgefüttert, so müssen auch die großen, mit Schulden beladenen Staaten sparen und ihre Einnahmen erhöhen, so dass die gesamt Eurozone in die Krise rutschen kann. Zinssenkungen sind nicht mehr möglich. David Karsbol, Chefökonom der auf Devisentransaktionen spezialisierten, dänischen Saxo Bank prognostiziert im Falle einer monetären oder fiskalischen Alimentierung der Defizite und Schulden nicht nur eine längerfristiges Zurückfallen der gesamten Eurozone, sondern auch eine Schwächung des Euros, befürchtet aber auch dass dieses Option die größte Wahrscheinlichkeit besitzt.

          Eine Krise der Eurozone als Ganzes aber könnte zum Bedeutungsverlust der Währung führen, die wiederum den Abbau von Reservepositionen ausländischer Notenbanken und den Abzug ausländischen Kapitals in verschärfter Form bewirken könnte. Handelspartner könnten die Fakturierung von Exportgeschäften in Euro verweigern. Der Druck auf die Währung könnte sich dramatisch erhöhen: Am Ende könnte gar eine Währungsreform erforderlich sein.

          Erzwungene Austritte sind für beide Seiten negativ

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