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EU-Hilfen : Griechenland braucht einen Marshallplan

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Von Seiten der EU sollten also nicht wieder Dörfer in den schwächsten Regionen in Griechenland identifiziert werden, in denen dann Plätze renoviert oder Straßen gebaut werden. Wichtig wäre es vielmehr, mit EU-Mitteln in den ökonomisch relativ starken Gebieten in und um Athen und Thessaloniki funktionierende regionale Innovationssysteme zu entwickeln. Dort bedarf es des Aufbaus forschungsstarker Universitäten in Kombination mit anwendungsorientierten Forschungseinrichtungen. Das Fraunhofer Institut ist dafür ein Vorbild. Passend dazu müssen sich dort junge technologisch orientierte Start-up-Firmen etablieren können, die Forschungsergebnisse und entsprechendes Know-how in neue Produkte transferieren. Auch diese Start-ups bedürfen der anfänglichen Unterstützung, insbesondere des Zugangs zu Venture Capital.

Diese Systeme brauchen einen langen Atem, bis sie sich etablieren und Wirkung zeigen; in vergleichbaren Regionen in Deutschland vergingen für vorzeigbare Entwicklungen mehr als zehn Jahre. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass man in Griechenland mit einer solchen Wachstumsstrategie auch einen psychologisch wichtigen Kontrapunkt zur aktuellen ökonomischen Abwärtsspirale setzt.

Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Kooperation

Eine solche Wachstumsstrategie wird allerdings nur dann positive Wirkung in Griechenland zeigen, wenn noch zwei weitere Säulen aufgebaut werden: Voraussetzung für die erfolgreiche Ansiedlung regionaler Innovationssysteme ist die Einstellung hochqualifizierten Personals. Gegenwärtig finden sich in zahllosen Wissenschaftsinstitutionen auf der Welt, nur nicht in Griechenland, hervorragende griechische Forscher. Damit diese Forscher beim Aufbau mitzuhelfen bereit sind, müssen die Arbeitsbedingungen in Griechenland internationalen Standards angepasst werden. Auf diese Weise kann die notwendige Umkehr des sogenannten Brain Drains realisiert werden.

Abschließend eine fünfte Säule: Dieses Mal muss sichergestellt werden, dass solche Finanzmittel tatsächlich für Investitionen verwendet und nicht in den privaten Konsum umgeleitet werden. Hier sind die Bürger und Politiker Griechenlands in der Pflicht: Von ihnen ist explizit Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Kooperation bei der Umsetzung zu erwarten. Bleiben eine durch die EU finanzierte glaubwürdige Wachstumspolitik auf der einen und ein Mentalitätswechsel der griechischen Politik und Bürger auf der anderen Seite aus - und beides wird Zeit beanspruchen - dürften die Reformversuche in Griechenland nur geringe Wirkung entfalten. Gelingt es dagegen, den Reformprozess mit all seinen Facetten zu gestalten und begreift man die Krise als Chance, kann sich Griechenland mit Hilfe eines Marshallplans langfristig zu einem modernen Land entwickeln, das seinen Platz im Euroraum hat.

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