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Erklär mir die Welt (40) : Warum sind Ökonomen so selten einer Meinung?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Frage zwei Ökonomen, und du erhältst drei Antworten. Kein Wunder: Die Welt der Menschen ist eben nicht eindeutig. Und selbst in den scheinbar exakten Naturwissenschaften gibt es viel Uneinigkeit.

          Ein alter Ökonomenwitz geht so: Am ersten Tag schuf Gott die Sonne. Worauf der Teufel nachzog und den Sonnenbrand schuf. Am zweiten Tag schuf Gott das Geschlecht. Der Teufel schlug zurück und schuf die Ehe. Am dritten Tag schuf Gott einen Ökonomen. Was für eine Herausforderung für den Teufel. Er dachte lange nach, und schließlich schuf er ... einen zweiten Ökonomen.

          Hinter dem Spott steckt ein wahrer Kern. In vielen Fragen sind Ökonomen kaum weniger einig als die Politiker, die sie beraten sollen. Das hat erst im vergangenen Jahr wieder eine Umfrage unter den Mitgliedern des Vereins für Socialpolitik gezeigt, der größten und traditionsreichsten Ökonomenvereinigung in Deutschland. Demnach halten zum Beispiel knapp 40 Prozent der befragten Wirtschaftswissenschaftler die Steuern in Deutschland für generell zu hoch, fast 48 Prozent finden das aber nicht. Uneinig ist man sich auch darin, ob die Macht der Gewerkschaften stark eingeschränkt werden sollte: Zwei Drittel der Ökonomen sind dafür, ein Drittel aber dagegen.

          Nicht weniger uneins sind sich Ökonomen oft in ihren Wachstumsprognosen. Kein Wunder, dass das Ansehen der Wirtschaftswissenschaften in der Öffentlichkeit nicht allzu hoch ist. Manchmal wird sogar bezweifelt, ob es sich überhaupt um eine „richtige“ Wissenschaft wie etwa Medizin oder Physik handelt. Es gibt zwar einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, aber der war 1886 im Testament von Alfred Nobel noch gar nicht vorgesehen. Die schwedische Reichsbank hat ihn erst nachträglich 1969 zugestiftet.

          Viel Uneinigkeit auch in den Naturwissenschaften

          Woher kommt nun aber eigentlich die Uneinigkeit? Die einfachste Antwort wäre: Es gibt eben gute und schlechte Ökonomen. Eine etwas differenzierte Erklärung könnte auf unterschiedliche Interessen verweisen. Schließlich sollen Ökonomen einerseits sinnvolle Spielregeln für die Wirtschaft entwerfen, sind dabei aber andererseits selbst als Akteure am Spiel beteiligt.

          Muss unter diesen Umständen ihr Urteil über die Lohnpolitik nicht anders ausfallen, je nachdem, ob sie einem arbeitgebernahen Institut angehören oder vom DGB bezahlt werden? Auch im Sachverständigenrat wird traditionell je einer der fünf „Wirtschaftsweisen“ in Abstimmung mit den Arbeitgebern oder mit den Gewerkschaften berufen, wenngleich das so nicht im Gesetz steht. Und sogar Universitätsprofessoren mögen bei ihren Expertisen mitunter auch persönliche Interessen verfolgen. Sie sind als Beamte zwar unabhängig, erhoffen sich aber vielleicht lukrative Gutachtenaufträge, oder sie sind einfach ideologisch voreingenommen. Ist also die ganze Ökonomie letztlich doch nur interessengeleitete Politik, wie die Marxisten schon immer behauptet haben?

          Man sollte vorsichtig sein mit vorschnellen Urteilen dieser Art. Denn auch in den scheinbar exakten Naturwissenschaften gibt es viel Uneinigkeit. Man denke nur an den Streit der Klimaforscher über die Ursachen der Erderwärmung oder an die Auseinandersetzungen über die Wirksamkeit der homöopathischen Medizin. Selbst in der Mathematik gibt es viele unbewiesene Vermutungen, und manche mathematischen Beweise sind so komplex, dass über ihre Gültigkeit selbst wieder gestritten wird.

          Studium am sich ständig wandelnden Objekt

          Die Komplexität der Materie ist wohl auch der wichtigste Grund für die Uneinigkeit der Ökonomen in vielen Fragen. Anders als in den Naturwissenschaften kann man ja eine Volkswirtschaft nicht einfach in ein Reagenzglas stecken und damit herumexperimentieren. Außerdem lernen Menschen im Gegensatz zu Atomen ständig dazu und ändern mit der Zeit ihr Verhalten.

          In den sechziger Jahren hat die Wirtschaft zum Beispiel noch ganz anders auf ein Konjunkturprogramm reagiert als heute. Inzwischen ist vielen Akteuren nämlich bewusst geworden, dass solche Maßnahmen oft nur ein Strohfeuer entfachen. Man studiert als Ökonom deshalb im Grunde an einem sich ständig wandelnden Objekt. Dabei treten außerdem meist so viele Einflussfaktoren gleichzeitig auf, dass es sehr schwer ist, Ursache und Wirkung einander zuzuordnen.

          Ist zum Beispiel Großbritanniens Wirtschaft in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, weil steigende Löhne mehr Kaufkraft geschaffen haben? Oder konnten umgekehrt die Löhne erhöht werden, weil die Wirtschaft so kräftig gewachsen ist? Ist die Einführung von Mindestlöhnen in Deutschland unschädlich, weil viele andere Länder sie auch haben? Oder ist der deutsche Arbeitsmarkt so unflexibel, dass bei uns ganz andere Folgen zu erwarten wären? Das sind Fragen, über die selbst innerhalb des Sachverständigenrates aktuell gestritten wird. Und dabei können die „Fünf Weisen“ auf so viel Daten, Expertisen und ökonomisches Fachwissen zurückgreifen, wie man es sonst kaum irgendwo in Deutschland vorfindet.

          Wechsel- und Nebenwirkungen im Blick behalten

          Manche Ökonomen sehen in statistisch/ökonometrischen Untersuchungen die Lösung des Problems. Aber auch deren Ergebnisse können sehr trügerisch sein. Schließlich hat man auch schon einen engen statistischen Zusammenhang zwischen der Zahl der Frösche und der Geburtenrate festgestellt. Darum ist eine überzeugende Theorie mindestens genauso wichtig wie das reine Datensammeln. Erst zusammen ergibt sich daraus ein Bild, das Aussicht auf Übereinstimmung mit der Wirklichkeit hat.

          Als vorbildlich in dieser Hinsicht gilt das Werk des deutschen Ökonomen und Landwirts Johann Heinrich von Thünen. Er sammelte erst einmal zehn Jahre lang penibel Daten über alle wirtschaftlichen Vorgänge auf seinem Mustergut Tellow. Erst dann veröffentlichte er 1826 seine mathematisch elegante und ökonomisch bahnbrechende Standorttheorie. Noch heute sind die „Thünenschen Kreise“ Grundlage vieler stadt- und regionalökonomischer Analysen.

          Selbst Thünens Vorgehen löst noch nicht das ganze Problem. Nicht umsonst nannte er sein Werk „Der isolierte Staat“, denn er schloss dabei alle störenden Einflüsse von außen gedanklich aus. In unserer komplexen und globalisierten Welt geht das aber oft nicht mehr. Man muss vielmehr immer auch mögliche Wechsel- und Nebenwirkungen im Blick haben, die keiner empirischen Analyse zugänglich sind.

          Immer wieder Meinungsverschiedenheiten

          Darauf hat schon in den dreißiger Jahren der deutsche Ökonom Walter Eucken hingewiesen. Als Gründer der Ordoliberalen Schule stand er einem allzu technokratischen Ökonomieverständnis kritisch gegenüber. Stattdessen plädierte er für die Einhaltung einfacher wettbewerblicher Grundprinzipien, die sich in der Geschichte bewährt haben. Das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit beruhte auf diesem ordnungspolitischen Gerüst.

          Auch in Zukunft werden Ökonomen immer wieder Meinungsverschiedenheiten haben. Dabei sollte man nicht einfach demjenigen glauben, der die scheinbar schönere Botschaft hat. Was nutzt ein Arzt, der unbequeme Wahrheiten verschweigt, nur um seine Patienten nicht zu verlieren? Manchmal liegt die scheinbare Uneinigkeit in Meinungsumfragen auch einfach nur daran, dass die Fragen zu pauschal gestellt wurden.

          Bei der Frage „Sind Sie für oder gegen Arbeitszeitverkürzung?“ müsste zum Beispiel mindestens dazugesagt werden, ob sie mit oder ohne Lohnausgleich gemeint ist. Die Lieblingsantwort eines Ökonomen ist nicht umsonst „Kommt darauf an“. Bei entsprechend differenzierten Fragestellungen ist die Einigkeit dann oft viel größer, als es zunächst den Anschein hatte.

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