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Erklär mir die Welt (1) : Warum geht die Wirtschaft mal rauf und mal runter?

Der Grundgedanke der Theorie lautet, daß Schwankungen der Wirtschaft das Ergebnis zufälliger und nicht prognostizierbarer Einflüsse seien. Dabei kann es sich um Naturkatastrophen handeln, Veränderungen der Wirtschaftspolitik (wie eine drastische Steuererhöhung), eine dramatische Verteuerung von Energie oder um bahnbrechende Erfindungen. Die Theorie arbeitet meist mit der Annahme, vor allem technischer Wandel beeinflusse die Konjunktur. In diesem Lichte ließe sich der in manchen Ländern kräftige Konjunkturaufschwung Ende der neunziger Jahre als Folge der „new economy“ erklären.

Ein Blick in die Vergangenheit lehrt Erstaunliches

Neu ist die Idee, der technische Fortschritt bestimme die wirtschaftliche Entwicklung, nicht. Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts vertrat der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratjew die Ansicht, die wirtschaftliche Entwicklung der Industrienationen verlaufe in etwa 50 Jahre langen Zyklen, wobei gegen Ende des Zyklus zahlreiche Erfindungen gemacht würden, die den nächsten Aufschwung und damit den nächsten Zyklus einläuteten.

Moderne Ökonomen stehen dem Konzept der Kondratjew-Zyklen skeptisch gegenüber. Sie erkennen keinen Grund für einen gesetzmäßigen Ablauf der Wirtschaftsentwicklung, sondern nehmen an, technischer Fortschritt sei unvorhersehbar. Doch lehrt ein Blick in die Vergangenheit Erstaunliches: So läßt sich die Zeit von 1780 bis 1849 als erste Phase der Industrialisierung verstehen mit der Dampfmaschine als wichtigster Erfindung; diese Periode heißt daher „Dampfmaschinen-Kondratjew“.

Ihm schloß sich von 1849 bis 1890, dem Zeitalter des Eisenbahnbaus, der „Eisenbahn-Kondratjew“ an. Der Zyklus zwischen 1890 und 1940 wird als „Elektrotechnik- und Chemie-Kondratjew“ bezeichnet, dem von 1940 bis 1990 der „Automatisierungs-Kondratjew“ folgte. Seit 1990 befinden sich die Industrienationen nach dieser Lesart in einem „Informations- und Kommunikations-Kondratjew“.

Wirtschaftlicher Abschwung durch zu großes Sparen?

Einflüsse wie technischer Fortschritt oder Naturkatastrophen reichen oft nicht aus, das Auf und Ab der Wirtschaft zu erklären. Nach einem Bonmot ist die Beschäftigung mit Wirtschaftstheorie ohne eine Betrachtung des Geldes so sinnvoll wie „Hamlet“ ohne die Hauptfigur, den Prinzen von Dänemark. Vielleicht liegt es ja auch am Geld - vor allem, wenn es nicht ausgegeben wird?

Schon seit langer Zeit existiert die These, ein wirtschaftlicher Abschwung entstehe durch zu großes Sparen der Bürger und zu geringe Investitionen der Unternehmen. Denn die Welt ist unsicher, und so mögen Menschen aus Gründen der Vorsicht oder wegen negativer Zukunftserwartungen viel sparen und die Unternehmen wenig investieren. In diesem Fall stürzt die Wirtschaft in eine Krise, aus der sie sich möglicherweise nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann.

Die Stimmung hat zumindest kurzfristig Einfluß

Diese Ansicht wurde in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre von dem Briten John Maynard Keynes popularisiert - der Grundgedanke ist allerdings viel älter. Daß der Wirtschaftsverlauf zumindest kurzfristig von Stimmungen der Menschen abhängig sein kann, wird heute kaum bestritten. Eine allgemeingültige Theorie entstand daraus jedoch nicht.

So streiten bis heute namhafte Fachleute über die Frage, worin die Ursache der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre bestanden hat. Manche meinen, damals habe zu wenig Geld zirkuliert, andere behaupten allen Ernstes, die hohe Arbeitslosigkeit sei das Ergebnis eines Anfalls von Massenfaulheit gewesen. Vielleicht waren es ja doch die Sonnenflecken.

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