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Ende der Währungsunion : Der Euro-Ausstieg ist machbar

Kredite in starker Währung

Da diese Verträge nicht öffentlich sind, lässt sich vor der Umstellung nicht ermitteln, wie sich Gewinne und Verluste verteilen. Tendenzen sind aber schon deutlich. Deutsche Firmen und Banken werden viel Geld verlieren. Denn sie haben ihre Kredite oft in Deutschland aufgenommen, müssen also in starker Währung zurückzahlen. Ein Teil ihres Besitzes - an Staatsanleihen oder Tochtergesellschaften - liegt dagegen in den Peripheriestaaten und wird künftig weniger wert sein.

Es trifft aber nicht nur die deutschen Firmen. Viele Unternehmen in der EU beschaffen sich ihre Kredite zentral über eine eigene Finanzierungstochterfirma, die ihren Sitz häufig in den Niederlanden hat- und die niederländische Währung wird nach der Umstellung tendenziell aufwerten. Auch diese Kredite werden also in starker Währung zurückgezahlt werden müssen.

Noch einmal wird ein riesiger Rettungsschirm nötig

Das erleichtert die Umstellung für die Kreditgeber, letztlich also für die EU-Bürger, deren Geld in Fonds und Versicherungen liegt und von denen an die Firmen ausgeliehen worden ist. Sie machen relativ wenig Verlust, können sicher sein, dass sie ihr Geld in „harten“ Euro zurückerhalten. Dagegen werden viele Firmen und Banken horrende Verluste hinnehmen müssen, weil ihre Schulden hart bleiben, ihre Guthaben aber häufig in der Peripherie liegt. Einige geraten an den Rand der Existenz.

Also wird für den Euro-Ausstieg noch einmal ein riesiger Rettungsschirm nötig, um die Wirtschaft vor dem Zusammenbruch zu retten - je mehr Länder aus dem Euro aussteigen, desto teurer wird es. Für die ganze Eurozone werden die Gesamtkosten in Billionen zu beziffern sein; Genaueres lässt sich nicht sagen. Diese Last wird sich noch lange in den Staatshaushalten niederschlagen, zumindest die Zinsen für die vielen zusätzlichen Staatsschulden.

Leichter geht es nicht

Starken Staaten - Deutschland zum Beispiel - drohen sogar noch weitere Verluste. Das liegt paradoxerweise daran, dass in den vergangenen Monaten schon viel Geld aus den Peripheriestaaten zu deutschen Banken geflossen ist. Das Geld liegt jetzt als Guthaben bei den Banken. Dieses Guthaben wird im Euroraum (im sogenannten „Target II“-System) zunächst von der Notenbank des entsprechenden Landes finanziert, in Deutschland ist das die Bundesbank. Im Gegenzug bekommt die Bundesbank ein Guthaben bei den anderen Notenbanken. Wenn sich die Eurozone auflöst, verliert dieses Guthaben enorm an Wert - im Moment geht es allein für Deutschland um rund 500 Milliarden Euro. Zwar müsste die Bundesbank das Geld nicht vom Finanzminister überwiesen bekommen, sie könnte ihm aber auch jahrelang keine Gewinne mehr zurückzahlen.

Leichter geht es nicht, das zeigt ein Blick in die Geschichte. Währungsunionen sind in den vergangenen Jahrzehnten nur in sozialistischen Staaten ohne größere Reibungen aufgelöst worden, zum Beispiel beim Ende der Sowjetunion oder der Tschechoslowakei.

Der Ausstieg wird schwierig und teuer

In einer Marktwirtschaft wird der Ausstieg zumindest am Anfang viel Angst auslösen. Schon das allein wird die Wirtschaft ins Stocken bringen. Umso wichtiger ist es, dass die Regierungschefs den Ausstieg rhetorisch gut verkaufen und nicht als Bruch der Europäischen Union vermarkten. Kanzlerin Angela Merkel sollte die Schuld am Ende des Euro auf die Finanzmärkte schieben. Dann sollte sie die EU zur „Friedensunion“ erklären, die künftig stärker in internationalen Verhandlungen präsent sein wird und dort nebenbei die Interessen der europäischen Staaten vertritt. Denn das alles hängt nicht an einer Währung.

Was also sagen wir dem Lord? Der Ausstieg wird zwar schwierig und teuer, aber er ist möglich. Ob sich die Prozedur lohnt, hängt davon ab, wie man die Kosten der Euro-Rettung bewertet - also die teure Alimentierung von Staaten und den Unfrieden zwischen den Völkern, der heute schon aufkeimt. Eines ist klar: Die Währungsunion ist nicht alternativlos.

Der Wettbewerb des Lords

Der Aufruf kommt ausgerechnet aus Großbritannien: Wer hat das beste Konzept zum Ausstieg aus dem Euro? 250.00 Pfund hat der britische Manager und Oberhausabgeordnete Simon Wolfson, Baron von Aspley Guise, ausgelobt. Einsendeschluss ist der 31. Januar 2012; den Preis vergibt eine Jury aus angesehenen Wissenschaftlern.

Dieser Artikel wird nicht eingereicht. Dennoch haben wir ernsthaft versucht, einen gangbaren Weg vorzuschlagen - unbeschadet der Frage, ob der Ausstieg wünschenswert ist. Viele haben uns bei der Recherche geholfen - unter anderen Hans-Peter Burghof (Uni Hohenheim), Kai Carstensen (Ifo-Institut), Andreas Fischer-Appelt (FischerAppelt), Paul de Grauwe (KU Leuven), Sascha Haghani (Roland Berger), Dirk Müller-Tronnier (Ernst & Young), Andreas Pfingsten (Uni Münster), Joachim Scheide (IfW Kiel), Helmut Siekmann (Uni Frankfurt) und Hans-Joachim Voth (Universität Pompeu Fabra Barcelona). Allen, auch den hier nicht Genannten, dankt die Sonntagszeitung.

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