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Ifo-Geschäftsklimaindex : Drohende Gasknappheit sorgt für schlechte Stimmung

  • -Aktualisiert am

Funken fliegen im Werk der Salzgitter AG aus einer Stahlpfanne. Bild: dpa

Die deutschen Unternehmen waren im Juni deutlich pessimistischer gestimmt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sinkt um 0,7 Punkte auf 92,3 Zähler. Das konjunkturelle Umfeld dürfte in den nächsten Monaten nicht einfacher werden, warnen Ökonomen.

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          Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Juni eingetrübt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex sank um 0,7 Punkte auf 92,3 Zähler, wie das Münchner Institut am Freitag mitteilte. Zuvor war das Stimmungsbarometer, das auf einer monatlichen Umfrage unter rund 9000 Unternehmen beruht, zweimal gestiegen. Der Geschäftsklimaindex gilt als wichtigster Frühindikator für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft.

          Svea Junge
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          „Steigende Energiepreise und die drohende Gasknappheit bereitet der deutschen Wirtschaft große Sorgen“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Erwartungen der Unternehmen für die nächsten sechs Monate fielen deutlich pessimistischer aus als noch im Mai. Aber auch mit ihrer aktuellen Geschäftslage waren sie etwas weniger zufrieden.

          Vor allem in der Industrie und im Handel hat sich die Stimmung verschlechtert. Die Unternehmen blicken sorgenvoll in die Zukunft. Die Erwartungen im Handel fielen auf den niedrigsten Stand seit April 2020. Im Dienstleistungssektor hat sich das Geschäftsklima merklich verbessert. „Das Gastgewerbe erlebt einen guten Sommer“, sagte Fuest. Transport und Logistik blickten hingegen pessimistisch auf das zweite Halbjahr.

          „Die konjunkturelle Situation ist labil“

          Dass der Index im Juni nicht stärker zurückgegangen ist, liegt nach Einschätzung von Ökonomen daran, dass die meisten Unternehmen geantwortet haben, bevor Russland seine Lieferungen gedrosselt hat und sich die Lage am Gasmarkt verschärft hat. „Tatsächlich ist die konjunkturelle Situation labil“, warnte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Auch LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch sagte: „Wir haben weiterhin sehr schwierige Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und gehen davon aus, dass die Tendenz der kommenden Monate eher abwärts gerichtet ist.“

          Eine Abkühlung der deutschen Wirtschaft signalisieren auch andere Stimmungsindizes. Der am Donnerstag veröffentlichte Einkaufsmanagerindex von S&P Global sank im Juni ebenfalls überraschend deutlich um 2,4 Zähler auf 51,3 Punkte und rangiert damit nur noch knapp über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Zugleich ist es der niedrigste Wert seit einem halben Jahr. Die Daten zeigten, „dass die deutsche Wirtschaft praktisch den gesamten Schwung verloren hat, den sie durch die Lockerung der Corona-Beschränkungen gewonnen hatte“, sagte S&P Global-Ökonom Phil Smith.

          Auch das Stimmungsbarometer für die Wirtschaft im Euroraum sank unerwartet kräftig um 2,9 auf 51,9 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit 16 Monaten. Dem Wachstum gehe „allmählich die Puste aus“, sagte S&P-Global-Chefvolkswirt Chris Williamson. Die Daten signalisierten ein aktuelles Wachstum von „mickrigen 0,2 Prozent“, nach plus 0,6 Prozent im ersten Quartal. Die Firmen blickten so wenig optimistisch nach vorn wie zuletzt im Oktober 2020.

          Inflation schwächt Kaufkraft

          „Der Wegfall der Corona-Beschränkungen hatte dem Dienstleistungssektor einen kräftigen Schub gegeben. Doch inzwischen leidet die Nachfrage immer stärker unter dem Kaufkraftverlust durch die massive Verteuerung von Energie“, sagte Commerzbank Ökonom Christoph Weil. Ähnliches gelte für die Industrie. LBBW-Ökonom Elmar Völker sprach angesichts der hohen Inflation, anhaltenden Lieferkettenprobleme und der Gefahr eines Gas-Lieferstopps aus Russland von einem „konjunkturellen Abgrund“. „Noch sind wir nicht gefallen, aber allzu viele Schritte sind es nicht mehr bis zur Klippe“, sagte er.

          Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute hatten ihre Konjunkturprognosen zuletzt abermals gesenkt. Sie begründeten ihre Korrektur vor allem mit den zunehmenden Belastungen durch die steigende Inflation. Am optimistischsten blickt das RWI noch auf die deutsche Wirtschaft. Die Essener Forscher erwarten in diesem Jahr immerhin einen Anstieg der Wirtschaftsleistung um 2,7 Prozent. Das Münchner Ifo-Institut rechnet mit einem Plus von 2,5 Prozent und das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) mit 2,1 Prozent. Am pessimistischsten ist das IWH. Die Hallenser Ökonomen prognostizieren lediglich einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,5 Prozent.

          Für den Euroraum sind die Ökonomen zwar noch etwas zuversichtlicher, doch auch hier sehen sie wachsenden Gegenwind. Das Ifo-Institut prognostiziert ein BIP-Plus von 3,3 Prozent für den Währungsraum in diesem Jahr, während das IfW nur noch von 2,8 Prozent Wachstum ausgeht.

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