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Integrations-Mythos : Die Sakralisierung Europas

Menschen in einem Café in Athen Bild: dpa

Europa als politische Union ist ein Mythos seit der Antike - und lange Zeit auch ein ziemlich erfolgreicher. Inzwischen kann die Integrationskraft jedoch nur noch hilflos beschworen werden.

          Die Queen ist klug. Sie lässt sich nicht in die Falle locken. „Wir wissen, dass Teilung in Europa gefährlich ist und dass wir uns dagegen schützen müssen, sowohl im Westen als auch im Osten unseres Kontinents“, sagte Königin Elisabeth II. in ihrer Tischrede beim Staatsbankett im Schloss Bellevue am vergangenen Mittwoch. Als man ihr daraufhin eine Anspielung auf den Grexit (Austritt der Griechen) und den Brexit (Austritt der Briten) unterstellen wollte, ließ die kluge Königin ausrichten, sie habe von der EU nicht als politischer Einheit, sondern von Europa als Kontinent gesprochen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Europa als politische Einheit ist eine Fiktion. Das war es von Anfang an. Es gab Europa nie, weder christlich noch antik. Europa ist eine Prinzessin aus Phönizien (das liegt irgendwo zwischen Israel und Syrien), deren sich die Ideologen im Interesse der Stabilisierung von Herrschaft bedient haben. Immer schon. Als Meister zur Herstellung dieser Herrschaftsideologie machte sich der griechische Historiker Herodot, der erste seiner Zunft, im fünften Jahrhundert vor Christus einen Namen, ein „erfindungsreicher Lügner“, ein Mann, ausgestattet mit viel kreativer Einbildungskraft.

          Herodot hat den Mythos vom Abendland erfunden. Von ihm stammt die Erzählung eines Ost-West-Konflikts, den barbarische Perser angestoßen haben sollen. Es ist die klassische David-Goliath-Geschichte, die den Ursprungsmythos Europas umso mehr schmückt: Die Griechen, klein an Zahl, besiegen die vielen persischen Barbaren im Osten. Eine Geschichte, allzu schön, um wahr zu sein. Die wenigsten Historiker nehmen sie ihrem Ahnherrn heute noch ab.

          Putin hat die Rolle der Perserkönige von damals

          Gleichwohl ist der Mythos von Europa eine Geschichte, die sich tief ins kollektive Gedächtnis der Völker des Kontinents eingegraben hat. Wann immer der politische Frieden oder das wirtschaftliche Wachstum gefährdet ist, werden die Integrations-Lautsprecher aufgedreht, um mit Europa-Pathos die Straßen und Plätze zu beschallen. Demnach sitzen die gefährlicheren Gegner stets im Osten. Die Rolle der Perserkönige von damals, Darius oder Xerxes, nimmt heute der Russenherrscher Putin ein. Allemal bedarf der Mythos der europäischen Integration einer geostrategischen Unterfütterung. Krieg oder Frieden, rückwärts oder nach vorn, dafür oder dagegen – mit diesen dichotomischen Sprachmustern haben Europapolitiker immer schon etabliert, was der Religionssoziologe Hans Joas die „Sakralisierung Europas“ nennt: eine rückwärtsgewandte Idealisierung, von der sich auch hochgradig säkularisierte Intellektuelle betören lassen.

          So etwas ließ sich auch in der vergangenen Woche des großen Griechenbebens beobachten, welches an diesem Wochenende wieder einmal einen Höhepunkt erlebt: als vermeintliche Rettung oder als vermeintliches Scheitern. Einerlei, wie es ausgeht, allemal ist klar: Nach der Rettung (dem Scheitern) ist vor der Rettung (dem Scheitern).

          Der Euro: „Mehr als eine Währung“?

          Umso mehr schwellen die Gesänge der Europa-Idealisierung jetzt wieder an. Unter dem Leitbegriff „Die Wirtschafts- und Währungsunion vollenden“ legte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, zusammen mit vier weiteren Vorsitzenden europäischer Spitzeninstitutionen (darunter auch EZB-Chef Mario Draghi), einen Bericht vor, der behauptet, nur eine Vertiefung der europäischen Integration werde Europa gegen künftige globale Herausforderungen wappnen und jedem einzelnen Mitgliedstaat zu mehr Wohlstand verhelfen. Nicht nur Europa, jetzt wird sogar der Euro sakralisiert, wenn die fünf Präsidenten behaupten, er sei „mehr als nur eine Währung“.

          Was wäre dieses Mehr? Dabei muss die Aussage, alle Mitglieder der Währungsunion hätten ihre Landeswährung „unwiderruflich“ aufgegeben, wie eine Beschwörungsformel wirken an Tagen, an denen der Grexit als Option so realistisch erscheint wie bislang noch nie. Umso vager und zugleich rhetorisch aufrüttelnder fallen die Sätze der fünf „Euromantiker“ (den Begriff hat Hans Magnus Enzensberger geprägt) aus: „Ihr gemeinsames Schicksal erfordert, dass sich alle Mitglieder der Währungsunion in Krisenzeiten solidarisch verhalten.“ Solidarität klingt immer gut, weil sich jeder etwas anderes darunter vorstellen kann.

          Flankiert wird die Integrationsprosa der EU-Präsidenten durch ein öffentliches Flugblatt des deutschen Philosophen Jürgen Habermas, veröffentlicht in der „Süddeutschen Zeitung“. Darin fordert der Chefintellektuelle der europäischen Vollendung die Kreditgebernationen dazu auf, sich nicht länger als kleinkarierte Gläubiger (doch wohl auch als Anwälte ihrer Bürger, deren Geld sie verwalten?) zu verhalten, sondern als Eliten, welche die politisch unvollständige Währungsgemeinschaft vollenden sollten: „Es sind die Bürger, nicht die Banker, die in europäischen Schicksalsfragen das letzte Wort behalten müssen“, schreibt Habermas. Mit einem an „Pegida“ erinnernden Seitenhieb auf die (Lügen-)Presse, die sich der „postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit“ verschrieben habe, und in der dem Intellektuellen eigenen arroganten Anmaßung plädiert der Philosoph für die politische Zentralisierung Europas und übergeht großzügig die Frage, welche finanziellen Dauerbelastungen die dann vollendete Transferunion ihren Mitgliedern aufbürden würde.

          Müsste man nicht zugeben, dass das Projekt gescheitert ist?

          Dabei ist nicht zuletzt am rüden Ton, welcher in diesen Tagen an den Verhandlungstischen in Brüssel und anderswo herrscht, abzulesen, wie morsch das „europäische Haus“ inzwischen geworden ist. Wechselseitig beschimpfen die politischen Akteure einander als Kindsköpfe und Erpresser. Das ist noch harmlos gegenüber der Verzweiflung, die aus den Worten des hochbetagten griechischen Komponisten Mikis Theodorakis spricht: „Wo sollen wir Hoffnung hernehmen, man raubt sie uns jeden Tag“, sagte der alte Mann in einem Gespräch mit der F.A.Z. in der vergangenen Woche: „Das vom Geld dirigierte Europa erscheint mir wie eine riesige Spinne.“

          Kann man angesichts dieser Verzweiflung auf allen Seiten und der zermürbenden, Tage, Monate und Jahre währenden Verhandlungsdiktatur wirklich noch sagen, das Geld sei ein Integrationsmotor? Müsste man nicht zugeben, dass das Konvergenzprojekt gescheitert ist und die institutionellen Regeln der Währungsunion mit grundlegenden politisch-kulturellen Differenzen in Europa kollidieren, wie es der Mainzer Historiker Andreas Rödder in seiner im Herbst erscheinenden „Geschichte der Gegenwart“ tut: Was für Deutschland und den Norden der Primat des Rechts ist, ist für den Süden der Primat der Politik.

          Geld schafft keine Integration

          Es war der entscheidende Konstruktionsfehler bei der Einführung des Euros, dass politische Ziele mit ökonomischen Mitteln durchgesetzt werden sollten. Als ob die Gemeinschaftswährung dazu fähig wäre, fiskalische Disziplinierung und politische Integration zu erzwingen. Während in den Vertragsverhandlungen der späten achtziger Jahre die Deutschen dafür plädierten, erst eine größere Konvergenz der Lebensverhältnisse abzuwarten, bevor als „Krönung“ die Gemeinschaftswährung eingeführt würde, plädierten die Franzosen für den umgekehrten Weg: der Euro werde die wirtschaftliche – und später die politische – Konvergenz schon erzwingen. Dass sich am Ende die Franzosen durchgesetzt haben, liegt an den geschwächten Deutschen, die 1989 auf Zustimmung der Nachbarn zur deutschen Wiedervereinigung angewiesen waren.

          Heute ist klar, dass die Konvergenzerwartung getrogen hat. Es ist ja nicht so, wie jetzt von den Integrationsfreunden erzählt wird, dass lediglich eine wildgewordene linksradikale Regierung in Griechenland im Euroraum Scherereien macht. Das Land befindet sich in einer katastrophalen Verfassung, in die es – verführt durch die Gemeinschaftswährung – vor mehr als zehn Jahren von ihren Politikern hineingeritten wurde und aus der herauszukommen noch lange Jahre dauern wird. Gerne wird von den Integrationseuropäern auch vergessen, dass es nicht nur Griechenland schlechtgeht: Auch bald fünfzehn Jahre nach Einführung des Euros lässt sich im Euroraum keine Konvergenz der Lebensverhältnisse feststellen, und zwar bezogen auf alle ökonomischen Kennziffern vom Pro-Kopf-Einkommen bis zur Beschäftigung. Das erklärt die Wucht, mit welcher der Mythos von Europa jetzt beschworen wird, und dementiert zugleich sein Versprechen. Wenn aber der Konstruktionsfehler des Euros nicht zu heilen ist, müsste dann nicht der Mythos selbst ins Archiv der Geschichtserzählungen verwiesen werden?

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