https://www.faz.net/-gqe-12f4s

Devisenmarkt : Euro - technisch überverkauft

  • Aktualisiert am

Bild: BNP Paribas

Der Euro ist inzwischen an den Finanzmärkten zu einer „Einweg-Wette“ verkommen. Er scheint gegen den Dollar nur noch fallen zu können. Immer mehr technische Indikatoren jedoch deuten auf überzogene Erwartungen hin und warnen.

          3 Min.

          Die Akteure an den Finanzmärkten neigen immer wieder zur Irrationalität. Wollen sie in bestimmten Phasen Risiken nicht wahrnehmen, so schlagen sie regelmäßig dann ins Gegenteil um und werden irrational risikoavers, sobald diese virulent werden.

          Auf diese Weise lassen sich die verschiedensten Kurs- und Preisblasen der vergangenen Jahrhunderte erklären. Auch die, nach welcher die Renditen an den europäischen Rentenmärkten immer weiter gefallen sind, obwohl viele Staaten der Region fiskalpolitisch fahrlässig handelten und die tiefen Zinsen eigentlich gar nicht verdient haben.

          Der Euro ist inzwischen zu einer „Einweg-Wette“ verkommen

          Plötzlich sind Spekulanten daran schuld, wenn sie als Anleger das dargebotene Verhältnis zwischen Ausfallrisiken und Renditen nicht mehr tragen wollen und die Anleihen der europäischen Randstaaten sowie die europäische Währung verkaufen. Gerade die Euro scheint inzwischen für viele Anleger und Zocker für eine Einweg-Wette geworden zu sein. Er könne nur weiter nach unten gehen, heißt es gemeinhin. An den Terminmärkten sind die Wetten gegen die europäische Einheitswährung so ausgeprägt wie nie zuvor.

          In den Medien dagegen werden Schlagzeilen über die so genannte Eurokrise geprägt, während Agenturen sich die Frage stellen, ob der „schwache Euro“ der deutschen Wirtschaft helfe oder nicht. Dabei ist die europäische Währung gemessen an Bewertungsmodellen wie der Kaufkraftparität nicht nur nicht schwach, sondern sie hat allenfalls den größten Teil der Überbewertung verloren, in die sie in den vergangenen Jahren aufgrund der allgemeinen Dollarschwäche und der damaligen „Dollarvermeidungsstrategien“ der Anleger geraten war.

          Der Eurokurs ist zwar wegen der Schuldenkrise in der Währungsunion mit 1,2235 Dollar auf den tiefsten Stand seit vier Jahren abgerutscht. Das ist jedoch nicht nur nicht tragisch, sondern auf diese Weise gewinnt der europäische Wirtschaftsraum nur wieder einen Teil der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zurück, die er im Rahmen der „Politik des schwachen Dollar“, die sich aufgrund der faktischen Kopplung der asiatischen Währungen auch auf Asien ausgedehnt hatte, verloren hatte.

          Den europäischen Exporteuren bringt der schwache Euro eine Sonderkonjunktur. Wie das geht, zeigt dieses Rechenbeispiel. Verkauft ein europäischer Maschinenbauer eine Anlage für 100.000 Dollar in den Vereinigten Staaten oder nach China, erhielt er dafür im Dezember des vergangenen Jahres umgerechnet rund 66.000 Euro. Weil der Dollar seither gegen den Euro um knapp 22 Prozent aufgewertet hat, steigt der Gegenwert auf knapp 81.000 Euro. Der schwache Euro verschafft den deutschen Exporteuren daher einen Wettbewerbsvorteil. Er erlaubt es, die wegen der hohen Arbeitskosten teuren Exportschlager wie Maschinen und Fahrzeuge auch ohne Umsatz- und Gewinneinbußen günstiger anzubieten. Das kann die Nachfrage zumindest dann ankurbeln, sofern sich die Weltwirtschaft robust entwickelt.

          Immer mehr technische Indikatoren warnen vor einer Gegenbegung

          Die deutschen Exporteure erlösen zwar nur etwa 20 Prozent ihrer Erlöse direkt im Dollar-Raum. Allerdings sind dort mit den Vereinigten Staaten nicht nur der zweitgrößte deutsche Kunde anzutreffen, sondern auch die besonders schnell wachsenden Schwellenländer von Brasilien bis Indien. Wie wichtig diese Staaten inzwischen sind, zeigt das Beispiel China: Die Ausfuhren in die Volksrepublik stiegen selbst im Krisenjahr 2009 noch um sieben Prozent, während sie insgesamt um 17,9 Prozent einbrachen. China ist inzwischen achtgrößter Abnehmer deutscher Waren.

          Auf der anderen Seite spüren die Exportunternehmen im weit gefassten Dollarblock den Gegenwind. „Das erhöht den Kostendruck für die chinesischen Exporteure und beeinträchtigt auch Chinas Ausfuhren in die europäischen Länder“, klagt der Sprecher des Handelsministeriums in Peking. Der Euro-Raum ist mit einem Anteil von mehr als 40 Prozent der mit Abstand wichtigste Markt für deutsche Waren. Auf diese Weise können möglicherweise die makroökonomischen Ungleichgewichte abgebaut werden, die in den vergangenen Jahren unter anderem von der Politik des schwachen Dollars und der massiven Devisenmarktinterventionen in Asien entstanden waren. Sie zeigten sich sowohl in Form großer Handelsüberschüsse als auch in den massiv zunehmenden Währungsreserven.

          Der Verkaufsdruck auf den Euro mag noch eine Weile andauern. Allerdings nicht ewig. Denn alleine schon technische Indikatoren (siehe Charts) deuten auf einen überzogenen Ausverkauf hin. Das lässt kurz- bis mittelfristig deutliche Gegenbewegungen erwarten. Die werden spätestens dann einsetzen, wenn sich die Panik in Europa etwas gelegt haben und wird. Dann nämlich wird klar werden, dass die wirtschafts- und finanzpolitische Lage in den Vereinigten Staaten keineswegs besser ist als in Europa.

          Schließlich hat die amerikanische Staatsverschuldung in den vergangenen Monaten dramatisch zugenommen, die Arbeitslosigkeit liegt auf Rekordniveau, die Staatseinnahmen sind gering, die Defizite des Bundesstaates, der Staaten, der Regionen und der Gemeinden sind sehr groß und die strukturellen Probleme sind ausgeprägt. In den kommenden Monaten muss das Land stark sparen und die Steuern erhöhen, um von den Märkten nicht bestraft zu werden.

          Weitere Themen

          „Wettbewerb belebt das Geschäft“ Video-Seite öffnen

          VDA zu Tesla : „Wettbewerb belebt das Geschäft“

          Der Automobilverband VDA wertet die Entscheidung des Elektropioniers Tesla, sein erstes Werk für Elektroautos in Europa in der Region Berlin-Brandenburg zu bauen, als Stärkung des Automobilstandortes Deutschland.

          Topmeldungen

          Die Diplomaten George Kent (links) und William Taylor (rechts) im großen Ausschusssaal im Longworth-Building des Repräsentantenhauses in Washington

          Ukraine-Affäre : Taylor belastet Trump

          Mit der öffentlichen Anhörung von Kent und Taylor hat eine neue Phase der Impeachment-Ermittlungen gegen Präsident Trump begonnen. Botschafter Taylor fügt seiner früheren Aussage eine Ergänzung hinzu, die aufhorchen lässt.

          Abwahl Brandners : Hetzen als System

          Der Rechtsausschuss hat seinen Vorsitzenden Stephan Brandner abgewählt. Seit Jahren beschimpft der AfD-Politiker alle politischen Gegner – und zeigt dabei eine Vorliebe für sexuell aufgeladene Pöbeleien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.