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Reparationsforderungen : Muss Deutschland zahlen?

Brutale Besetzung: Deutsche Panzerspähwagen auf dem Peloponnes, 1943 Bild: Ullstein

Die griechische Regierung verlangt von Deutschland 279 Milliarden Euro Kriegsentschädigung. Doch die Bundesrepublik wehrt sich mit allen Tricks. Damit hat sie Erfolg – seit 70 Jahren.

          7 Min.

          Am Montagabend hatte der griechische Vize-Finanzminister Dimitris Mardas seinen großen Auftritt im Athener Parlament. 278,7 Milliarden Euro an Reparationen schulde Deutschland den Griechen aus der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg, erklärte er, so hätten es seine Beamten ausgerechnet. Davon entfielen 10,3 Milliarden Euro auf jenen 1942 auferlegten Zwangskredit, der es inzwischen zu einiger Berühmtheit brachte. Der Rest beziehe sich auf Schäden, die den Bürgern und dem Staat entstanden seien.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Vize-Minister wird das Geld nicht bekommen, so viel steht jetzt schon fest. Die deutsche Regierung lehnte die Forderungen sofort ab. Juristisch ist das Ansinnen ohnehin nicht durchzusetzen, das hat der Internationale Gerichtshof in Den Haag zumindest mit Blick auf individuelle Ansprüche längst festgestellt. Und die Verbindung mit der aktuellen Schuldendebatte hinterlässt ohnehin einen unangenehmen Beigeschmack.

          Gleichwohl ruft die aktuelle Debatte die verschlungenen Wege in Erinnerung, auf denen sich die Deutschen seit 1945 um die Reparationsfrage herumgedrückt haben. Jahrzehntelang wurde das Thema unter Verweis auf einen späteren Friedensvertrag vertagt. Als es ein solches Abkommen mit dem Zwei-Plus-Vier-Vertrag 1990 schließlich faktisch gab, verkehrte sich das Argument ins Gegenteil: Ein förmlicher „Friedensvertrag“ sei damit für alle Zeiten überflüssig geworden, die Reparationsfrage mithin endgültig erledigt. Die ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ brachte das Vorgehen jüngst auf eine treffende Formel. „Wir haben immer gesagt: Später, später, später“, erklärte dort ein fiktiver Beamter des Auswärtigen Amts. „Und 1990 haben wir gesagt: zu spät.“

          Dabei gab es aus pragmatischer Sicht einige gute Gründe, warum die Westmächte nach 1945 auf Reparationszahlungen verzichteten. Sie brauchten die Bundesrepublik als Verbündeten im Kalten Krieg. Sie wollten nicht auf Dauer für ein wirtschaftlich ausblutendes Land bezahlen. Sie hatten ihre Lektion aus dem Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg gelernt, als die Weimarer Republik auch wegen der Belastung durch die Reparationsfrage zugrundeging.

          Die Folgelasten des Kriegs verteilten sich sehr ungleich

          Vor allem aber waren die von Deutschland angerichteten Verwüstungen so groß, dass sie ohnehin niemals hätten bezahlt werden können – selbst wenn Deutschland fortan seine komplette Wirtschaftsleistung dafür abgeliefert hätte. Die Deutschen profitierten also von der Größe ihrer Verbrechen – und von der neuen Konfrontation der Großmächte, die sich zumindest für die Bürger der Bundesrepublik als großes Glück erwies.

          Die Entwicklung zeichnete sich bereits ab, als die Siegermächte im Sommer 1945 zur Potsdamer Konferenz zusammenkamen. „Die entscheidenden Auseinandersetzungen zwischen den Alliierten entzündeten sich an der Reparationsfrage“, schreibt der Freiburger Historiker Ulrich Herbert.

          Angesichts der enormen Moskauer Reparationsansprüche fürchteten die Westmächte eine derartige Schwächung der deutschen Wirtschaft, dass die Amerikaner das besiegte Land aus eigener Tasche unterstützen und auf diese Weise indirekt die Sowjetunion finanzieren müssten. Schließlich akzeptierte Stalin die Regelung, dass sich jede der Siegermächte nur innerhalb ihrer eigenen Besatzungszone bedienen durfte. Im Gegenzug akzeptierten die Westmächte die sowjetische Einflusssphäre, also den späteren Eisernen Vorhang – und die Westverschiebung Polens.

          Die Konsequenz daraus war, dass sich die Folgelasten des Krieges höchst ungleich verteilten. Die Bevölkerung Schlesiens, Hinterpommerns und Ostpreußens verlor ihr Eigentum komplett. Die förmlichen Reparationen entfielen fast allein auf die sowjetische Besatzungszone: Die Mehrzahl der Industrieanlagen und ein beträchtlicher Teil der Bahnstrecken wurden abgebaut und sollten in die Sowjetunion gebracht werden, wo sie allerdings nicht immer ankamen und nur wenig Nutzen stifteten.

          Reparationszahlung - eine Wiedergutmachung?

          Die Westzonen, die sich 1949 zur Bundesrepublik vereinigten, bekamen alsbald auch förmlich einen unbefristeten Aufschub der Reparationslasten gewährt. Auf der Londoner Schuldenkonferenz von 1953 verpflichtete sich Deutschland zur Rückzahlung der Schulden aus den Friedenszeiten vor und nach dem Krieg. Sie wurden auf 15 Milliarden D-Mark reduziert und bis Ende des Jahrzehnts beglichen. Dieser Schuldenschnitt wird oft als mögliches Vorbild für eine Lösung des heutigen griechischen Finanzproblems zitiert. Mit der Reparationsfrage hatte er nichts zu tun.

          Alle erdenklichen Ansprüche aus der Kriegszeit wurden auf einen späteren Friedensvertrag vertagt, ob sie nun die wirtschaftliche Ausplünderung der besetzten Gebiete betrafen, die materiellen Zerstörungen oder die menschlichen Opfer. Auch diesmal handelten die Westmächte aus eigenem Interesse. Angesichts des grausamen Vernichtungskriegs, den das nationalsozialistische Deutschland im Osten geführt hatte, wären die Hauptnutznießer solcher Zahlungen die Sowjetunion und Polen gewesen.

          Zur gleichen Zeit verpflichtete sich die Bundesrepublik im Luxemburger Abkommen jedoch, insgesamt knapp 3,5 Milliarden D-Mark als „Wiedergutmachung“ an den Staat Israel und die Jewish Claims Conference zu zahlen. Es folgten „Globalabkommen“ über pauschale Entschädigungszahlungen an elf westeuropäische Länder, die im Gegenzug auf weitergehende Ansprüche verzichteten.

          Damit war das Thema bis zur Wiedervereinigung weitgehend stillgestellt. Das änderte sich sofort, als sich im Frühjahr 1990 die Vereinigung der beiden deutschen Staaten abzeichnete – und damit eine akute Gefahr, mit der zuletzt niemand mehr gerechnet hatte: Es ging um das gewaltige Risiko eines förmlichen Friedensvertrags, durch den die scheinbar für immer aufgeschobene Reparationsfrage plötzlich wieder aufleben könnte.

          Deutschlands wollte das Thema nicht thematisieren

          Bundeskanzler Helmut Kohl, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und dessen Staatssekretär Dieter Kastrup als Verhandlungsführer waren alarmiert. Statt eines „Friedensvertrags“ entstand ein Dokument mit dem sperrigen Titel „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“, kurz: „Zwei-plus-Vier-Vertrag“. Wie die Öffentlichkeit erst im Laufe der Zeit erfuhr, nahm die Frage der Reparationen bei den Verhandlungen breitesten Raum ein. Die Bundesregierung habe alle Anstrengungen unternommen, „um die Reparationsproblematik von der Tagesordnung fernzuhalten“, schreibt der Historiker Herbert.

          Kohl verwies auf bereits geleistete Entschädigungen in Höhe von 100 Milliarden D-Mark – die allerdings zum weit überwiegenden Teil an deutsche Opfer des Nationalsozialismus ausbezahlt worden waren. Dass Kohl die endgültige Festschreibung der Oder-Neiße-Linie peinlich lange offen ließ, hatte vor allem diesen Hintergrund: Er brauchte die Grenzanerkennung, um sie ein zweites Mal in der Nachkriegsgeschichte gegen einen Reparationsverzicht einzutauschen.

          An den Verhandlungen waren neben den beiden deutschen Staaten nur die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs unmittelbar beteiligt. Allerdings nahmen die Mitgliedstaaten der KSZE in der Charta von Paris förmlich Kenntnis von dem Vertragswerk, was nach deutscher Rechtsauffassung eine völkerrechtliche Anerkennung bedeutet. Zu diesen Staaten gehörte auch Griechenland.

          Eine komplette Aufrechnung der wirtschaftlichen Schäden wäre selbst für die reich gewordene Bundesrepublik gar nicht zu verkraften gewesen. So brutal das Besatzungsregime in Griechenland war: Die osteuropäischen Länder beuteten die Deutschen noch weit rücksichtsloser aus, und aus westeuropäischen Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden zogen sie weit höheren wirtschaftlichen Gewinn. „Wenn Griechenland 300 Milliarden fordert, was könnte dann Russland fordern? 100 Billionen?“, fragt der Historiker Herbert. Allein die Vorstellung sei absurd.

          Gewaltige Sachwerte aus Griechenland weggeschafft

          In vielen Ländern praktizierten die nationalsozialistischen Machthaber komplexe Formen der „monetären Ausbeutung Europas“, wie es der Berliner Historiker Götz Aly beschrieben hat. Auf unmittelbare Beschlagnahmen verzichtete die Wehrmacht in der Regel. Stattdessen konnten sich die Soldaten mit Hilfe von Landeswährung oder sogenannten „Reichskreditkassenscheinen“ üppig versorgen, was in der Regel eine Aufblähung der Geldmenge und damit eben doch die schleichende Enteignung der einheimischen Bevölkerung bedeutete. Auch der griechische Zwangskredit diente diesem Zweck: einer möglichst geräuschlosen Finanzierung der deutschen Besatzungskosten.

          Der griechische Fall war insofern speziell, als die deutsche Führung eine militärische Besetzung des Landes ursprünglich gar nicht ins Kalkül gezogen hatte. Allerdings hatte der italienische Verbündete beim Einmarsch in Griechenland 1940 seine Kräfte überschätzt und sah sich griechisch-britischer Gegenwehr ausgesetzt. Daraufhin ließ Hitler die Wehrmacht 1941 einmarschieren und besetzte das benachbarte Jugoslawien gleich mit. Es war der letzte erfolgreiche „Blitzkrieg“, vor dem Überfall auf die Sowjetunion zwei Monate später.

          Zunächst teilten Deutsche, Italiener und Bulgaren das Land in Besatzungszonen auf, erst nach dem Sturz Mussolinis im Sommer 1943 verwaltete Deutschland den größten Teil des Landes alleine. In diese Zeit fallen die brutalen Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung in Orten wie Kalavrita oder Distomo. Mit Hilfe der Spedition Schenker schafften die Okkupanten gewaltige Sachwerte nach Deutschland, darunter große Mengen an Tabak, die sogar den Jahreskonsum im Reich überstiegen.

          Den daraus resultierenden Handelsbilanzüberschuss verrechneten sie mit enorm hohen Besatzungskosten. Das Restguthaben wurde 1942 in eine zinslose Forderung umgewandelt, eben jenen Zwangskredit, der nach einer viel zitierten Abrechnung aus dem Jahr 1945 zuletzt 476 Millionen Reichsmark betrug – die allerdings noch mit Lieferungen nach Griechenland verrechnet werden sollten, die Deutschland in anderen besetzten Ländern requiriert hatte.

          Was passiert, wenn Deutschland zahlt?

          Deutsche Ausplünderung, die Ausweitung der Geldmenge und die britische Seeblockade führten in Griechenland jedoch zum Problem einer Hyperinflation, das die Besatzer nicht in den Griff bekam. Das Problem waren aus ihrer Sicht nicht so sehr die vielen Hungertoten. „Wir können uns nicht übertrieben um die hungernden Griechen kümmern“, kommentierte etwa Hermann Göring. „Das ist ein Unglück, das noch viele andere Völker treffen wird.“ Aber der Währungsverfall gefährdete auch die Versorgung der eigenen Soldaten und den Nachschub für den Afrikafeldzug.

          Gelöst wurde das Problem indes auf eine Weise, die für das NS-Regime typisch war – und die der deutsche Historiker Götz Aly schon vor zehn Jahren in seinem Buch über „Hitlers Volksstaat“ ausführlich beschrieben hat: durch die Deportation von Zehntausenden Juden aus dem nordgriechischen Saloniki ins Konzentrationslager Auschwitz und der Verwertung ihres Besitzes, insbesondere des geraubten Goldes. Griechische Broker verkauften das Edelmetall an der Athener Börse und zogen damit große Mengen an Papiergeld aus dem Verkehr, womit die Wehrmacht wiederum ihre Ausgaben bestritt. Auf diese Weise gelang es tatsächlich, die Drachme leidlich zu stabilisieren.

          Nach dem Krieg schwiegen deutsche und griechische Beteiligte über das Vorgehen beharrlich. Die Deutschen erweckten den Eindruck, als hätten sie mit eigenen Goldvorräten großzügig den Griechen geholfen, die ihre chaotische Wirtschaft nicht in den Griff bekamen. Die Griechen wiederum unterschlugen ihre Beteiligung an der Verwertung des jüdischen Besitzes. Als einzige Regierung habe Athen die Akten des Kollaborationsregimes bis heute nicht geöffnet, beklagt Aly. Wenn überhaupt, dann könnten zuallererst die wenigen überlebenden Nachkommen der ermordeten Juden von Saloniki eine Entschädigung für sich beanspruchen – was sie vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auch versuchen.

          So bleibt es aus Sicht der Historiker wie der Berliner Politik am Ende bei dem Argument von 1945: Förmliche Zahlungen an Griechenland würden vielfach höhere Ansprüche anderer Opfergruppen auslösen, die am Ende unbezahlbar wären – selbst für die Bundesrepublik von heute mit ihrer vielfach größeren Wirtschaftskraft.

          „Dann müssten Sie Deutschland schließen“, sagt der Historiker Aly. „Das wäre der größte anzunehmende Schaden für die Weltwirtschaft.“ Und sein Kollege Herbert fügt hinzu: Die Frage lasse sich „nur moralisch und symbolisch lösen“.

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