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Reparationsforderungen : Muss Deutschland zahlen?

Zunächst teilten Deutsche, Italiener und Bulgaren das Land in Besatzungszonen auf, erst nach dem Sturz Mussolinis im Sommer 1943 verwaltete Deutschland den größten Teil des Landes alleine. In diese Zeit fallen die brutalen Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung in Orten wie Kalavrita oder Distomo. Mit Hilfe der Spedition Schenker schafften die Okkupanten gewaltige Sachwerte nach Deutschland, darunter große Mengen an Tabak, die sogar den Jahreskonsum im Reich überstiegen.

Den daraus resultierenden Handelsbilanzüberschuss verrechneten sie mit enorm hohen Besatzungskosten. Das Restguthaben wurde 1942 in eine zinslose Forderung umgewandelt, eben jenen Zwangskredit, der nach einer viel zitierten Abrechnung aus dem Jahr 1945 zuletzt 476 Millionen Reichsmark betrug – die allerdings noch mit Lieferungen nach Griechenland verrechnet werden sollten, die Deutschland in anderen besetzten Ländern requiriert hatte.

Was passiert, wenn Deutschland zahlt?

Deutsche Ausplünderung, die Ausweitung der Geldmenge und die britische Seeblockade führten in Griechenland jedoch zum Problem einer Hyperinflation, das die Besatzer nicht in den Griff bekam. Das Problem waren aus ihrer Sicht nicht so sehr die vielen Hungertoten. „Wir können uns nicht übertrieben um die hungernden Griechen kümmern“, kommentierte etwa Hermann Göring. „Das ist ein Unglück, das noch viele andere Völker treffen wird.“ Aber der Währungsverfall gefährdete auch die Versorgung der eigenen Soldaten und den Nachschub für den Afrikafeldzug.

Gelöst wurde das Problem indes auf eine Weise, die für das NS-Regime typisch war – und die der deutsche Historiker Götz Aly schon vor zehn Jahren in seinem Buch über „Hitlers Volksstaat“ ausführlich beschrieben hat: durch die Deportation von Zehntausenden Juden aus dem nordgriechischen Saloniki ins Konzentrationslager Auschwitz und der Verwertung ihres Besitzes, insbesondere des geraubten Goldes. Griechische Broker verkauften das Edelmetall an der Athener Börse und zogen damit große Mengen an Papiergeld aus dem Verkehr, womit die Wehrmacht wiederum ihre Ausgaben bestritt. Auf diese Weise gelang es tatsächlich, die Drachme leidlich zu stabilisieren.

Nach dem Krieg schwiegen deutsche und griechische Beteiligte über das Vorgehen beharrlich. Die Deutschen erweckten den Eindruck, als hätten sie mit eigenen Goldvorräten großzügig den Griechen geholfen, die ihre chaotische Wirtschaft nicht in den Griff bekamen. Die Griechen wiederum unterschlugen ihre Beteiligung an der Verwertung des jüdischen Besitzes. Als einzige Regierung habe Athen die Akten des Kollaborationsregimes bis heute nicht geöffnet, beklagt Aly. Wenn überhaupt, dann könnten zuallererst die wenigen überlebenden Nachkommen der ermordeten Juden von Saloniki eine Entschädigung für sich beanspruchen – was sie vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auch versuchen.

So bleibt es aus Sicht der Historiker wie der Berliner Politik am Ende bei dem Argument von 1945: Förmliche Zahlungen an Griechenland würden vielfach höhere Ansprüche anderer Opfergruppen auslösen, die am Ende unbezahlbar wären – selbst für die Bundesrepublik von heute mit ihrer vielfach größeren Wirtschaftskraft.

„Dann müssten Sie Deutschland schließen“, sagt der Historiker Aly. „Das wäre der größte anzunehmende Schaden für die Weltwirtschaft.“ Und sein Kollege Herbert fügt hinzu: Die Frage lasse sich „nur moralisch und symbolisch lösen“.

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