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Reparationsforderungen : Muss Deutschland zahlen?

Deutschlands wollte das Thema nicht thematisieren

Bundeskanzler Helmut Kohl, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und dessen Staatssekretär Dieter Kastrup als Verhandlungsführer waren alarmiert. Statt eines „Friedensvertrags“ entstand ein Dokument mit dem sperrigen Titel „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“, kurz: „Zwei-plus-Vier-Vertrag“. Wie die Öffentlichkeit erst im Laufe der Zeit erfuhr, nahm die Frage der Reparationen bei den Verhandlungen breitesten Raum ein. Die Bundesregierung habe alle Anstrengungen unternommen, „um die Reparationsproblematik von der Tagesordnung fernzuhalten“, schreibt der Historiker Herbert.

Kohl verwies auf bereits geleistete Entschädigungen in Höhe von 100 Milliarden D-Mark – die allerdings zum weit überwiegenden Teil an deutsche Opfer des Nationalsozialismus ausbezahlt worden waren. Dass Kohl die endgültige Festschreibung der Oder-Neiße-Linie peinlich lange offen ließ, hatte vor allem diesen Hintergrund: Er brauchte die Grenzanerkennung, um sie ein zweites Mal in der Nachkriegsgeschichte gegen einen Reparationsverzicht einzutauschen.

An den Verhandlungen waren neben den beiden deutschen Staaten nur die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs unmittelbar beteiligt. Allerdings nahmen die Mitgliedstaaten der KSZE in der Charta von Paris förmlich Kenntnis von dem Vertragswerk, was nach deutscher Rechtsauffassung eine völkerrechtliche Anerkennung bedeutet. Zu diesen Staaten gehörte auch Griechenland.

Eine komplette Aufrechnung der wirtschaftlichen Schäden wäre selbst für die reich gewordene Bundesrepublik gar nicht zu verkraften gewesen. So brutal das Besatzungsregime in Griechenland war: Die osteuropäischen Länder beuteten die Deutschen noch weit rücksichtsloser aus, und aus westeuropäischen Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden zogen sie weit höheren wirtschaftlichen Gewinn. „Wenn Griechenland 300 Milliarden fordert, was könnte dann Russland fordern? 100 Billionen?“, fragt der Historiker Herbert. Allein die Vorstellung sei absurd.

Gewaltige Sachwerte aus Griechenland weggeschafft

In vielen Ländern praktizierten die nationalsozialistischen Machthaber komplexe Formen der „monetären Ausbeutung Europas“, wie es der Berliner Historiker Götz Aly beschrieben hat. Auf unmittelbare Beschlagnahmen verzichtete die Wehrmacht in der Regel. Stattdessen konnten sich die Soldaten mit Hilfe von Landeswährung oder sogenannten „Reichskreditkassenscheinen“ üppig versorgen, was in der Regel eine Aufblähung der Geldmenge und damit eben doch die schleichende Enteignung der einheimischen Bevölkerung bedeutete. Auch der griechische Zwangskredit diente diesem Zweck: einer möglichst geräuschlosen Finanzierung der deutschen Besatzungskosten.

Der griechische Fall war insofern speziell, als die deutsche Führung eine militärische Besetzung des Landes ursprünglich gar nicht ins Kalkül gezogen hatte. Allerdings hatte der italienische Verbündete beim Einmarsch in Griechenland 1940 seine Kräfte überschätzt und sah sich griechisch-britischer Gegenwehr ausgesetzt. Daraufhin ließ Hitler die Wehrmacht 1941 einmarschieren und besetzte das benachbarte Jugoslawien gleich mit. Es war der letzte erfolgreiche „Blitzkrieg“, vor dem Überfall auf die Sowjetunion zwei Monate später.

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