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Reparationsforderungen : Muss Deutschland zahlen?

Angesichts der enormen Moskauer Reparationsansprüche fürchteten die Westmächte eine derartige Schwächung der deutschen Wirtschaft, dass die Amerikaner das besiegte Land aus eigener Tasche unterstützen und auf diese Weise indirekt die Sowjetunion finanzieren müssten. Schließlich akzeptierte Stalin die Regelung, dass sich jede der Siegermächte nur innerhalb ihrer eigenen Besatzungszone bedienen durfte. Im Gegenzug akzeptierten die Westmächte die sowjetische Einflusssphäre, also den späteren Eisernen Vorhang – und die Westverschiebung Polens.

Die Konsequenz daraus war, dass sich die Folgelasten des Krieges höchst ungleich verteilten. Die Bevölkerung Schlesiens, Hinterpommerns und Ostpreußens verlor ihr Eigentum komplett. Die förmlichen Reparationen entfielen fast allein auf die sowjetische Besatzungszone: Die Mehrzahl der Industrieanlagen und ein beträchtlicher Teil der Bahnstrecken wurden abgebaut und sollten in die Sowjetunion gebracht werden, wo sie allerdings nicht immer ankamen und nur wenig Nutzen stifteten.

Reparationszahlung - eine Wiedergutmachung?

Die Westzonen, die sich 1949 zur Bundesrepublik vereinigten, bekamen alsbald auch förmlich einen unbefristeten Aufschub der Reparationslasten gewährt. Auf der Londoner Schuldenkonferenz von 1953 verpflichtete sich Deutschland zur Rückzahlung der Schulden aus den Friedenszeiten vor und nach dem Krieg. Sie wurden auf 15 Milliarden D-Mark reduziert und bis Ende des Jahrzehnts beglichen. Dieser Schuldenschnitt wird oft als mögliches Vorbild für eine Lösung des heutigen griechischen Finanzproblems zitiert. Mit der Reparationsfrage hatte er nichts zu tun.

Alle erdenklichen Ansprüche aus der Kriegszeit wurden auf einen späteren Friedensvertrag vertagt, ob sie nun die wirtschaftliche Ausplünderung der besetzten Gebiete betrafen, die materiellen Zerstörungen oder die menschlichen Opfer. Auch diesmal handelten die Westmächte aus eigenem Interesse. Angesichts des grausamen Vernichtungskriegs, den das nationalsozialistische Deutschland im Osten geführt hatte, wären die Hauptnutznießer solcher Zahlungen die Sowjetunion und Polen gewesen.

Zur gleichen Zeit verpflichtete sich die Bundesrepublik im Luxemburger Abkommen jedoch, insgesamt knapp 3,5 Milliarden D-Mark als „Wiedergutmachung“ an den Staat Israel und die Jewish Claims Conference zu zahlen. Es folgten „Globalabkommen“ über pauschale Entschädigungszahlungen an elf westeuropäische Länder, die im Gegenzug auf weitergehende Ansprüche verzichteten.

Damit war das Thema bis zur Wiedervereinigung weitgehend stillgestellt. Das änderte sich sofort, als sich im Frühjahr 1990 die Vereinigung der beiden deutschen Staaten abzeichnete – und damit eine akute Gefahr, mit der zuletzt niemand mehr gerechnet hatte: Es ging um das gewaltige Risiko eines förmlichen Friedensvertrags, durch den die scheinbar für immer aufgeschobene Reparationsfrage plötzlich wieder aufleben könnte.

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