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Deutsche Wirtschaft : Frühjahrsgutachten: Harter Einbruch, rasche Erholung

Die deutsche Wirtschaft dürfte in diesem Jahr stark schrumpfen. Bild: dpa

Auch die Ökonomen der fünf größten Wirtschaftsinstitute erwarten einen herben Einbruch der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr. Danach könnte es aber rasant aufwärts gehen – wenn auch Gefahren bleiben.

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          Die Corona-Pandemie wird die deutsche Wirtschaft in eine schwere Rezession stoßen, wie es sie lange nicht gegeben hat – und für einen Einbruch auf Quartalsbasis sorgen, der mehr als doppelt so groß ausfallen dürfte wie in der Finanzkrise von 2009. Das ist der Kernbefund des Frühjahrsgutachtens, das die führenden Wirtschaftsinstitute an diesem Mittwoch der Bundesregierung vorlegen. Autoren sind das Münchner Ifo-Institut, das DIW in Berlin, das Essener RWI, das Kieler IfW und das IWH in Halle. Das Gutachten dient der Bundesregierung für ihre eigene Konjunkturprognose, die Steuerschätzung und die Haushaltsplanung.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das auch „Gemeinschaftsdiagnose“ genannte Papier trägt den Titel „Deutsche Wirtschaft unter Schock – Finanzpolitik hält dagegen“. Erwartet wird ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 4,2 Prozent in diesem Jahr. Das wäre noch etwas besser als 2009, als die deutsche Wirtschaft um 5,7 Prozent schrumpfte. Mit 9,8 Prozent rechnen die Ökonomen aber mit einem Einbruch im zweiten Quartal, wie es ihn seit Beginn der Vierteljahresrechnung im Jahr 1970 noch nie gegeben hat. Grund ist die Lahmlegung sämtlicher Wirtschaftsbereiche im Zuge der Corona-Krise.

          Die Schätzungen gehen auseinander

          Und schon im ersten, Ende März abgeschlossenen ersten Quartal erwarten sie eine Schrumpfung von 1,9 Prozent; offizielle Zahlen des Statistischen Bundesamts hierfür liegen erst Mitte Mai vor. Zudem gehen die Gutachter fest davon aus, dass der Wirtschaftseinbruch auch schwerwiegende Folgen für die Beschäftigung haben wird. „Die Rezession hinterlässt deutliche Spuren auf dem Arbeitsmarkt und im Staatshaushalt“, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. „In der Spitze wird die Arbeitslosenquote in diesem Jahr auf 5,9 Prozent und die Zahl der Kurzarbeiter auf 2,4 Millionen hochschnellen.“ Im Durchschnitt werden die Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum Vorjahr um knapp eine Viertel Million auf 2,5 Millionen steigen.

          Dass die deutsche Wirtschaft dieses Jahr in eine Rezession stürzen wird, gilt unter Ökonomen als ausgemacht. Die Schätzungen über die Schwere und Dauer des Einbruchs gehen aber auseinander, da noch offen ist, wann der „Shutdown“ gelockert wird. Mit einem BIP-Rückgang von 4,2 Prozent ist die Prognose der Wirtschaftsinstitute zwar pessimistischer als jene des Sachverständigenrats der Bundesregierung, der vorige Woche in seinem Basisszenario „nur“ ein Minus von 2,8 Prozent vorhergesagt hat. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) dagegen ist pessimistischer und sprach von mindestens so starken Einschnitten wie in der Finanzkrise 2009.

          Die Ökonomen der Wirtschaftsinstitute begründen ihren Optimismus mit dem Glauben an eine schnelle Erholung. „Deutschland bringt gute Voraussetzungen mit, den wirtschaftlichen Einbruch zu verkraften und mittelfristig wieder das wirtschaftliche Niveau zu erreichen, das sich ohne die Krise ergeben hätte“, so Ifo-Ökonom Wollmershäuser. Die günstige Finanzlage ermögliche es dem Staat, weitgehende Maßnahmen zur Abfederung der kurzfristigen negativen Folgen für Unternehmen und private Haushalte zu ergreifen – wenngleich diese in diesem Jahr zu einem Rekorddefizit in den öffentlichen Kassen von 159 Milliarden Euro führen. Die Staatsverschuldung werde in diesem Jahr auf 70 Prozent im Verhältnis zum nominalen BIP steigen, nachdem er gerade erst die Maastricht-konforme 60-Prozent-Schwelle erreicht hatte.

          Für das kommende Jahr sagen die Institute sogar eine Erholung und ein Wachstum von 5,8 Prozent voraus. Man glaube, dass die „Shutdown“-Maßnahmen in der zweiten Aprilhälfte langsam wieder aufgehoben werden und die Pandemie 2021 „weitgehend überwunden sein wird“, sagte Wollmershäuser. Die Erholung könnte dem Gutachten zufolge schon im dritten und vierten Quartal 2020 mit einem BIP-Zuwachs von 8,5 beziehungsweise 3,1 jeweils zum Vorquartal einsetzen. Weil mit der Rückkehr zum Wirtschaftswachstum auch Beschäftigung und Einkommen wieder steigen dürften, bedarf es aus Sicht der Institute kein nachfragestimulierendes Konjunkturprogramm.  

          „Erhebliche Kreditausfälle“

          Dennoch wird im Frühjahrsgutachten vor erheblichen Abwärtsrisiken gewarnt. Sollte sich die Pandemie deutlich langsamer abschwächen als angenommen, werde auch das Wiederhochfahren der wirtschaftlichen Aktivität schlechter gelingen und eine abermalige Ansteckungswelle auslösen. Zudem könnten weitere Maßnahmen zur Infektionsbekämpfung in Kraft treten, die die Produktion länger oder in größerem Umfang stilllegen. Verwerfungen im Finanzsystem als Folge zunehmender Unternehmensinsolvenzen würden dann wahrscheinlicher, die durch staatliche Schutzschilde nicht verhindert werden könnten – und das nicht nur in Deutschland.

          Die Corona-Krise gefährde gar die Zahlungsfähigkeit einiger Eurostaaten, warnen die Gutachter. Schon die beschlossenen Maßnahmen belasteten die Haushalte. Sollten noch weitere Stützungsmaßnahmen notwendig werden, weitete sich das Haushaltsdefizit nochmals deutlich aus. In Spanien könnte es auf 8,2 Prozent und in Italien sogar auf 9,2 Prozent steigen; der in konjunkturell normalen Zeiten erlaubte Höchstwert gemäß Maastricht-Kriterien beträgt 3,0 Prozent.

          Das zöge weitere Folgewirkungen nach sich, betonten die Ökonomen bei Vorstellung ihres Gutachtens am Mittwoch. So gefährdeten Turbulenzen in anderen Ländern im Euroraum die Absatzchancen und die Lieferketten der deutschen Wirtschaft. Zudem seien „erhebliche Kreditausfälle“ auf Dauer nicht zu vermeiden. Eine Bankenkrise in vielen Ländern, vor allem in Italien mit seinem besonders hohen Anteil an notleidenden Krediten, stelle ein substanzielles Risiko für die Stabilität und den Fortbestand der Währungsunion dar, auch wenn die Europäische Zentralbank zunächst stabilisierend eingegriffen habe. „Die Gefahr ist groß, ist eine europäische Staatsschuldenkrise zu kommen“, sagte Wollmershäuser.

          Ein gemeinsames Gegensteuern der europäischen Staaten sei deshalb geboten; wie, ließ er allerdings offen. In der Debatte um europäische Gemeinschaftsanleihen („Coronabonds“) beziehen die Institutsvertreter keine Stellung. In ihrem Gutachten skizzieren sie nur die beschlossenen Maßnahmen auf EU-Ebene. Auch auch Nachfrage in der Pressekonferenz äußerten sie sich nicht dazu, ob jenseits von der Mittelbereitstellung durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus, die Europäische Investitionsbank und das europäische Kurzarbeitergeld „Coronabonds“ sinnvoll sein könnten oder nicht.

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