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Kommentar : Ewiges Wachstum

Konsum als Wachstumstreiber: Private Verbraucher halten den Konjunkturmotor am Laufen. Bild: dpa

Die deutsche Wirtschaft wächst im achten Jahr und kein Abschwung ist in Sicht. Wo ist das konjunkturelle Auf und Ab geblieben?

          Eines haben so ziemlich alle Länder dieser Welt gemein: In ihrer Wirtschaft geht es auf und ab. Mal herrscht eitel Sonnenschein – und dann, scheinbar wie aus heiterem Himmel, ziehen düstere Wolken auf, und die Gewinne der Unternehmen gehen zurück. Also senken sie ihre Ausgaben für neue Maschinen, Anlagen und Gebäude, fahren ihre Produktion runter und reduzieren ihr Personal. Und zwar so lange, bis sie wieder Gewinne erzielen und sich die gesamte Volkswirtschaft wieder erholt.

          Lange galt dieses konjunkturelle Auf und Ab als unumstößliches Gesetz. Doch seit einiger Zeit scheint die deutsche Wirtschaft den Zyklus durchbrochen zu haben. Der letzte Abschwung in Deutschland ist, gemessen an den Erfahrungen der Vergangenheit, eine halbe Ewigkeit her, ausgelöst wurde er durch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008. Seither ging es eigentlich nur noch voran: Aufs Jahr gerechnet, wuchs die deutsche Wirtschaft 2016 zum siebten Mal in Folge. Die letzte Phase mit Negativwachstum ist drei Jahre her, doch nach einem kurzen Quartal verzogen sich die Wolken wieder.

          Ereignisse hätten das Wachstum dämpfen können

          Auch im zweiten Quartal 2017 stand abermals ein kräftiges Plus zu Buche. Um 0,6 Prozent ging es zwischen April und Juni gegenüber dem Vorquartal voran, nach 0,7 Prozent zum Jahresauftakt. Fachleute könnten kaum zuversichtlicher sein, manche gehen sogar davon aus, dass die Wirtschaft in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2011 um 2 Prozent oder mehr wachsen könnte.

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          Dabei gab es in den vergangenen Jahren genug Ereignisse, die das stetige deutsche Wachstum hätten dämpfen können. Das Brexit-Votum der Briten, der Wahlsieg Donald Trumps und der drohende Handelsstreit zwischen Amerika und China sind die jüngsten Beispiele. Auch das nachlassende Wachstum in China und Indien, die nicht enden wollenden Schwierigkeiten in Griechenland oder die unsichere Zukunft der Europäischen Union hätten eigentlich das Zeug dazu, das offene deutsche Wirtschaftsmodell zu gefährden.

          Nur wenig Anzeichen für Überhitzung

          Warum also ging es stattdessen immer weiter bergauf? Für manche Konjunkturforscher liegt die Ursache in der Natur des aktuellen Wachstumstreibers: des Konsums. Waren frühere Phasen des Aufschwungs eher von der Exportwirtschaft getrieben, sind es heute vor allem die privaten Verbraucher, die den Konjunkturmotor am Laufen halten. Im Gegensatz zu den Unternehmen oder dem Staat passen sie ihr Verhalten weniger stark an wirtschaftliche oder politische Veränderungen an. Das reduziert die Ausschläge, nach oben wie nach unten. Mit dem Ergebnis, dass der Wachstumspfad weniger steil angelegt ist, sich dafür aber zuverlässiger entwickelt. Ein Ende des langen Aufschwungs? Ist nach Einschätzung der allermeisten Ökonomen erst einmal nicht in Sicht.

          Gegen einen baldigen Abschwung spricht, dass die deutsche Volkswirtschaft selbst in ihrem achten Wachstumsjahr noch immer nur leichte Anzeichen einer Überhitzung zeigt. Dabei müssten gerade in einer Situation mit gut ausgelasteten Kapazitäten, wie sie derzeit in Deutschland zu sehen ist, die Investitionen deutlich steigen. Von einem Investitionsboom ist die Wirtschaft aber meilenweit entfernt. Zwar gaben die Unternehmen zuletzt wieder mehr Geld für Anlagen, Maschinen, Geräte und Software aus. Doch im Gegensatz zu früheren Hochphasen steigen die Nettoinvestitionen, die den Kapitalaufbau einer Volkswirtschaft messen, nach wie vor langsamer als der private Konsum. Hinzu kommt, dass in Zeiten der Hochkonjunktur normalerweise auch die Löhne und Preise überhitzen – was in Deutschland ebenso wenig zu beobachten ist.

          Bildung ausbauen und bessere Rahmenbedingungen schaffen

          Viel spricht dagegen dafür, dass die deutsche Wirtschaft auch in den nächsten Jahren weiter wachsen wird. Obwohl noch nie so viele Menschen in Deutschland eine Beschäftigung hatten wie heute, bauen die Unternehmen weiterhin Stellen auf. Die Reallöhne werden auch in diesem Jahr trotz steigender Preise einen Sprung nach oben machen. Entsprechend hoch wird die Kauffreude der Verbraucher bleiben. Auch sind deutsche Autos, Maschinen und Chemieerzeugnisse allen Krisen zum Trotz noch immer sehr gefragt, nach einer starken ersten Jahreshälfte deutet sich ein abermaliger Exportrekord an. Der stärkere Euro, der die heimischen Erzeugnisse im Ausland verteuert, könnte zwar leichte Spuren hinterlassen, ernsthaft bedrohen wird die Aufwertung die Exportwirtschaft aber nicht.

          Schlechter ist es dagegen um die mittelfristige Perspektive bestellt. Denn die Investitionsschwäche von heute nimmt zwar Druck aus dem Kessel, reduziert aber auch das Wachstumspotential von morgen. Gerade vor dem Hintergrund der alternden Bevölkerung geraten die Produktionsmöglichkeiten zunehmend unter Druck. Ohne Zuwanderung wird auch das Arbeitskräftepotential bald spürbar zurückgehen. Der politische Fokus muss daher darauf liegen, Bildungschancen zu verbessern, die Digitalisierung voranzutreiben und die Rahmenbedingungen für private Investitionen zu entwickeln. Behutsam hingegen sollte die nächste Regierung in Berlin mit akuten wachstumspolitischen Maßnahmen wie Steuersenkungen und dem Ausbau öffentlicher Investitionen umgehen. Sonst überdreht sie nur, was ohnehin auf Hochtouren läuft.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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