https://www.faz.net/-gqe-a6p3l

Ifo-Geschäftsklima steigt : Deutsche Wirtschaft ist überraschend optimistisch

In der Industrie ist der Ifo-Index deutlich gestiegen: Die Unternehmen bewerten die aktuelle Lage so gut wie seit Januar nicht mehr. Bild: Reuters

Gute Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft: Die Unternehmen scheint der Lockdown relativ kalt zu lassen. Doch nicht jeder teilt den Optimismus.

          3 Min.

          Bessere Lageeinschätzung, bessere Aussichten: Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Dezember verbessert. Wie die Volkswirte des Münchner Ifo-Instituts am Dienstag mitteilten, stieg das Geschäftsklima im Vergleich zu November an – trotz Lockdown. Grundlage für diese Einschätzung ist das Ifo-Barometer, das auf der monatlichen Befragung von rund 9000 Unternehmen beruht und als wichtigster Stimmungsindikator der deutschen Wirtschaft gilt. Verglichen zu November legte es zu, von 90,9 auf 92,1 Punkte. Zuvor war das Barometer zwei Monate in Folge gesunken. 

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

           „Zwar trifft der Lockdown einzelne Branchen hart“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Die deutsche Wirtschaft insgesamt zeigt sich jedoch widerstandsfähig.“

          Der Anstieg im Dezember erfolgte branchenübergreifend. In der Industrie verbesserte sich die Stimmung abermals deutlich, die Einschätzungen zur aktuellen Lage verbesserten sich sogar auf den höchsten Wert seit Januar. Auch der Optimismus mit Blick auf die kommenden Monate nahm merklich zu. Insbesondere die Chemieindustrie und der Maschinenbau trugen zu dieser Entwicklung bei.

          Doch auch im Dienstleistungsssektor gab es laut dem Ifo-Barometer eine leichte Erholung, sowohl was die Lage als auch die Erwartungen betrifft. Dazu bei trugen vor allem Bereiche wie Transport und Logistik sowie das Grundstücks- und Wohnungswesen. Reiseveranstalter, das Gastgewerbe und Kulturschaffende leiden dagegen weiter unter der Krise. Dass sich die Stimmung auch im Handel verbessert hat, ist vor allem industrienahen Großhändlern zu verdanken. Einzelhändler dagegen blickten pessimistischer in die Zukunft. 

          Nicht der einzige Indikator

          Zwar gingen die meisten Antworten der Unternehmen vor Verhängung der jüngsten Corona-Beschränkungen ein. Dennoch sehen Ökonomen einen Hoffnungsschimmer, Lockdown hin oder her. „Die Aussicht auf den baldigen Einsatz wirksamer Impfstoffe und die Erfolge bei der Pandemiebekämpfung in Asien immunisieren die Konjunktur und das Geschäftsklima“, kommentierte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW-Bank. Obwohl sich Europa und viele amerikanische Regionen in mehr oder weniger strikten Lockdowns befinden, hole die Industrie weiter auf – „eine Entwicklung, die trotz der seit Mittwoch geltenden Verschärfungen kurzfristig weiterläuft“, so Köhler-Geib.

          Sie meint, dass die Schließung im Weihnachtsgeschäft zwar ein harter Schlag sei für den stationären Einzelhandel, der Effekt wegen dessen eher kleinen Anteils an der Wirtschaftsleistung sowie der Verschiebung zum Onlinehandel aber konjunkturell „begrenzt“ sein dürfte.

          Der Ifo-Index ist nicht der einzige Konjunkturindikator, der überraschend nach oben weist. Auch die monatliche Befragung von rund 1000 deutschen Einkaufsmanagern aller Branchen durch das Londoner Markit-Institut versprüht Optimismus. Wie dessen Ökonomen am Mittwoch in ihrer ersten Dezember-Schätzung mitteilten, stehen die Zeichen sogar auf Wachstum. Vor allem die Industrie steht derzeit sehr gut da dank einer starken Nachfrage aus China. Die Markit-Befragung erfolgte allerdings zwischen dem 4. und 15. Dezember und somit wie die Ifo-Befragung teils vor der Verhängung der neusten Beschränkungen. 

          Weniger hoffnungsfrohe Nachrichten

          Viele Ökonomen mahnen deshalb zur Zurückhaltung. „Lassen Sie sich nicht vom stärkeren Ifo-Index mitreißen“, sagte am Freitag Carsten Brzeski von der niederländischen ING Bank. „Aufgrund der neuen Lockdown-Maßnahmen ist die deutsche Wirtschaft zum Jahreswechsel in eine Winterschlafphase eingetreten, und es wird bis zum zweiten Quartal dauern, bis eine deutliche Erholung eintritt“, so Brzeski. Dazu passt, dass einige Forschungsinstitute diese Woche neue Prognosen vorlegten – mit weniger guten Aussichten für die kommenden Monate. Das Berliner DIW rechnet wegen des Lockdowns nur noch mit einer Wachstumsrate von 3,5 Prozent im kommenden Jahr, das Kieler Institut für Weltwirtschaft gar nur mit 3,1 Prozent. 

          Auch vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kamen am Freitag weniger hoffnungsfrohe Nachrichten. Jeder dritte vom November-Lockdown betroffene Betrieb sieht sich demnach in seiner Existenz bedroht, teilten die IAB-Ökonomen mit.  Am stärksten betroffen von den Regelungen des Lockdowns im November sei das Gastgewerbe, und dort hätten 90 Prozent der Betriebe bei einer Befragung angegeben, ganz oder teilweise schließen zu müssen. Außerdem berichteten 12 Prozent der Betriebe aus dem Dienstleistungsbereich, betroffen zu sein, sowie 8 Prozent der Betriebe aus dem Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Floyd-Prozess : Ein historisches Urteil

          In Minneapolis wurde der Polizist Derek Chauvin wegen Mordes an George Floyd verurteilt. Das war möglich, weil die Beweislage so erdrückend ist. In vielen anderen Fällen kommen Polizeibeamte straffrei davon.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.