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Deutsche Wirtschaft : Der Tiefpunkt ist überwunden

Die Corona-Krise hat die deutsche Industrie schwer getroffen. Bild: dapd

Der schlimmste Einbruch in der Corona-Krise scheint überstanden, Daten zu Verkehr und Strom zeigen wieder mehr Stabilität. Sie zeigen aber auch: Aus dem Schneider ist die deutsche Wirtschaft noch lange nicht.

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          Der vorläufige Tiefpunkt in der Corona-Krise scheint in Deutschland überwunden. Nachdem zuletzt schon mehrere Geschäftsklimaumfragen positive Umsatzerwartungen der Unternehmen signalisierten, legte das Münchner Ifo-Institut am Dienstag mit verbesserten Exportaussichten nach. Das auf rund 2300 Angaben von Industriebetrieben basierende Barometer stieg im Mai deutlich von minus 50,2 auf minus 26,9 Punkte. Eine solche Zunahme hat es binnen Monatsfrist noch nicht gegeben. Der größte Optimismus machte sich in der Autoindustrie breit.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gleichwohl weist der unverändert negative Indikatorwert darauf hin, dass die Industrie zunächst nach wie mit einem Rückgang der Exporte rechnet – nur eben weniger stark als noch im April. Von einer Rückkehr zu normalen Werten kann also noch keine Rede sein. Ähnliches gilt für den Ifo-Geschäftsklimaindex: Er war, von historischem niedrigen Niveau kommend, einzig wegen verbesserter Zukunftsaussichten gestiegen. Die Lagebeurteilung dagegen verschlechterte sich noch weiter.

          Und auch bei anderen Stimmungsindikatoren ist Vorsicht geboten. So kann das am Dienstag von der Gesellschaft für Konsumforschung veröffentlichte Barometer auf den ersten Blick eine wieder einigermaßen muntere Verbraucherlaune vermuten lassen. Dabei bleibt der Indexwert trotz einem Plus von 4,2 Punkten mit minus 18,9 Zählern tiefrot.

          Zur Hälfte geschafft

          Eine Bodenbildung mit leicht aufwärtsgerichteter Tendenz signalisieren allerdings auch andere, „härtere“ Indikatoren wie Verkehrsdaten und Stromverbrauch. Auf sie blicken Konjunkturforscher jüngst verstärkt, da die „harten“ Hauptindikatoren wie Auftragseingang und Produktion in der Industrie sowie die erste Schätzung zum Bruttoinlandsprodukt mit all seinen Komponenten (Konsum, Investitionen, Außenhandel) erst mit einigen Wochen Verzögerung vorliegen – und Verkehrsdaten und Stromverbrauch zugleich in enger Beziehung zu den Hauptindikatoren stehen.

          Den konjunkturellen Tiefpunkt kann man demnach in der ersten Aprilhälfte verorten. Bis hierhin lässt sich ein stetiger Rückgang der Wirtschaftsaktivität beobachten. Rund um die nach Ostern beschlossenen Lockerungen mitsamt erster Ladenöffnungen am 20. April ging es dann wieder aufwärts.

          Der vom Statistischen Bundesamt veröffentlichte Fahrleistungsindex, der die gefahrenen Kilometer von Lastwagen auf Mautstrecken misst, notiert mittlerweile wieder bei rund 107 Punkten (gleitender Wochendurchschnitt, bereinigt von kalendarischen und saisonalen Sondereffekten). Damit ist die Rückkehr zum Vorkrisenniveau von rund 115 Punkten zur Hälfte geschafft, nachdem der Fahrleistungsindex Anfang April auf 95 Punkten gefallen war.

          So richtig aufwärts ging es seither nicht

          Daten aus dem öffentlichen Personennahverkehr, die Analysten der Commerzbank ausgewertet haben, bestätigen diesen Trend. Selbiges gilt für die Kundenzahlen im Einzelhandel und in der Gastronomie. „Restaurantbesuche wieder halb so häufig wie vor einem Jahr“, schreiben die Ökonomen und verweisen auf Reservierungszahlen auf Online-Plattformen. Demnach zeige sich seit Mitte Mai „eine dynamische Aufwärtsbewegung“.

          Auch der Gesamtwirtschaft eine dynamische Aufwärtsbewegung zu attestieren, ist mit Blick auf den Stromverbrauch aber definitiv verfrüht (siehe Grafik). Zwar vermelden einige Energieversorger wie EWR aus Rheinhessen einen deutlichen Wiederanstieg der Elektrizitätsnachfrage und führen dies zurück auf den Neustart beziehungsweise die Intensivierung der Industrieproduktion in ihrer Region – seit dem 11. Mai werde das Verbrauchsniveau des Vorjahres in Rheinhessen sogar überschritten, heißt es bei EWR. 

          Bundesweit ist der Stromverbrauch bislang aber nicht ansatzweise zurück auf dem Normalmaß, wenngleich auch er im gleitenden, feiertagsbereinigten Wochendurchschnitt des Energieverbands BDEW in der ersten Aprilhälfte seinen vorläufigen Tiefpunkt erreicht hatte. Doch so richtig aufwärts ging es seither nicht: Seit rund sechs Wochen stagniert der Stromverbrauch in Deutschland bei rund minus 10 Prozent unter dem Mittelwert der Vorjahre. Das macht deutlich, wie sehr die Wirtschaft nach wie vor in der Krise steckt.

          Dass privat mehr Elektrizität verbraucht wird seit Mitte März, etwa weil die Menschen sich verstärkt zuhause aufhalten und von dort aus arbeiten, dämpft den allgemeinen Nachfrageeinbruch nach Einschätzung von Fachleuten allenfalls geringfügig. Denn die weit unter Normalauslastung produzierende Industrie ist hierzulande mit knapp 46 Prozent mit Abstand der größte Stromverbraucher. 27 Prozent entfallen auf die übrige Wirtschaft und nur ein Viertel auf die Privathaushalte.

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