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Unerwarteter Rückgang : Deutsche Industrie erhält fast 8 Prozent weniger Aufträge

  • Aktualisiert am

Sorgenkind Autoindustrie: Mitarbeiter im BMW-Werk Leipzig arbeiten in der Montage des i8 Bild: dpa

Es ist der stärkste Auftragsrückgang seit Beginn der Corona-Krise. Besonders die Autoindustrie ist betroffen. Ökonomen sind überzeugt: Wo Vorprodukte fehlen, bestellen Kunden gar nicht erst.

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          Die deutsche Industrie hat im August einen unerwartet starken Auftragseinbruch erlitten. Die Unternehmen sammelten 7,7 Prozent weniger Bestellungen ein als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Das war der größte Rückgang seit April 2020, als die Corona-Krise die Orderbücher leerte.

          Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich mit einem Rückgang von 2,1 Prozent gerechnet. Der Einbruch folgt allerdings auf sehr kräftige Anstiege in den Vormonaten Juli (+4,9 Prozent) und Juni (+4,6 Prozent), die durch Großaufträge für Flugzeuge, Schiffe und Züge zustande kamen. „Es gab für einen August zwar überdurchschnittlich viele Großaufträge, aber weniger als in den Vormonaten“, erklärte ein Statistiker des Bundesamts.

          Auch ohne Berücksichtigung der schwankungsanfälligen Großaufträge gingen die Auftragseingänge im Monatsvergleich aber um 5,1 Prozent zurück. Zu dem Minus beigetragen haben dürften allerdings auch die Betriebsferien der Autobauer, die in den August fielen.

          Autobranche „ein Bremsklotz für die deutsche Industrie“

          Besonders stark rückläufig waren den Angaben zufolge die Bestellungen in der Automobilindustrie. Vielen Herstellern machen Lieferengpässe bei wichtigen Teilen und Rohstoffen zu schaffen: Die Bestellungen im Bereich Kraftwagen und Kraftwagenteilen sanken nach Berechnungen der Statistiker im August um 12 Prozent.

          „Damit sind die heutigen Zahlen ein weiterer Beleg dafür, dass der Auto-Sektor derzeit ein großer Bremsklotz für die deutsche Industrie ist“, kommentierte Ralph Solveen, stellvertretender Leiter volkswirtschaftliche Forschung der Commerzbank. Er verwies auch auf die schwachen Zahlen der Automobilindustrie, die der Branchenverband VDA gestern veröffentlicht hatte.

          „Der satte Rückgang bei den Auftragseingängen zeigt, der Materialmangel bremst auch die Auftragseingänge kräftig. Wenn ohnehin klar ist, dass nicht geliefert werden kann, bestellen viele Unternehmen erst gar nicht“, analysierte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. „Der Mangel an Vorprodukten ist also gegenwärtig ein durchaus ernstzunehmendes kurzfristiges Konjunkturrisiko.“

          Ministerium: Immer noch mehr Aufträge als vor Corona

          Das Wirtschaftsministerium hingegen betonte, dass der Auftragseingang noch immer um 8,5 Prozent höher liegt als vor Beginn der Einschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie. „Insgesamt lagen die Bestellungen im Verarbeitenden Gewerbe immer noch auf hohem Niveau“, hieß es von dort. Verglichen mit dem deutlich von der Pandemie beeinträchtigten Vorjahresmonat August 2020 zogen sie sogar um 11,7 Prozent an.

          Ein Grund für den starken Rückgang ist die geringere Nachfrage nach Exporten aus dem Ausland. Sie fiel um 9,5 Prozent schwächer aus als im Juli. Dabei nahmen die Aufträge aus der Euro-Zone um 1,6 Prozent zu, während die aus dem restlichen Ausland um 15,2 Prozent schrumpften. Die Bestellungen aus dem Inland ließen um 5,2 Prozent nach.

          Führende Institute haben gerade erst ihre Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr deutlich gesenkt, weil die Industrie zwar auf prallen Auftragsbüchern sitzt, wegen fehlender Vorprodukte – wie Mikrochips – aber mit der Produktion nicht hinterherkommt. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) schraubte deshalb seine Wachstumsprognose von 3,9 auf 2,6 Prozent nach unten.

          In diesem Zusammenhang sieht Carsten Brzeski, Chef der makroökonomischen Forschung bei der ING, im Rückgang der Aufträge auch etwas Positives. „Er bringt eine gewisse Erleichterung für die deutschen Hersteller, die zunehmend unter hohen Auftragsbeständen leiden“, sagte der Ökonom. „Angesichts der immer noch gut gefüllten Auftragsbücher und der niedrigen Lagerbestände dürfte die Zukunft der Industrieproduktion äußerst rosig sein – wären da nicht die anhaltenden Reibungen in der Lieferkette.“

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