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Welthandel : Der Aufstieg Chinas und Indiens verändert die Welt

Indien hat längst nicht mehr nur billige Call-Center Bild: picture-alliance/ dpa

Mit Sorge betrachtet der Westen das Wirtschaftswachstum in China und Indien. Dabei schätzen viele die eigentliche Lage falsch ein. Es geht längst nicht mehr nur um billige Produktion.

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          Vielleicht wird Li Lingqun in die chinesische Geschichte eingehen. Nicht als Parteifürst, Politiker oder General, sondern als Ingenieur. Li und seine Leute arbeiten am chinesischen Transrapid in der Hafenstadt Dalian. Er könnte die ermüdenden Verhandlungen mit Deutschland über den Verkauf der Technologie überflüssig machen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          China die Werkbank, Indien das Büro der Welt - so sieht die naive Sicht auf die Ordnung der Wirtschaftswelt aus. Sie wird den heranwachsenden Schwergewichten nicht gerecht. Indien verfügt nicht nur über Telefonzentren und Software-Industrie, sondern auch über sich entwickelnde Industriecluster, sauber geführte Familienkonzerne. In China reifen Forschung und Entwicklung heran - bislang finanziert und getrieben von ausländischen Investoren.

          Wissenschaftler kehren aus Diaspora heim

          440 000 Ingenieure verlassen jedes Jahr die Hochschulen. Obwohl China-Kenner betonen, daß ihr Ausbildungsstand oft eher einem deutschen Facharbeiter entspreche, wächst eine Wissensarmada heran. Auf die 3000 technischen Studienplätze der sieben Eliteuniversitäten Indiens bewerben sich jährlich 200 000 Schulabgänger. Zugleich kehren in beide Länder führende Wissenschaftler und Entwickler aus der Diaspora heim.

          Verhandlungen überflüssig: chinesischer Transrapid

          Bis 2020 will China seine Forschungsausgaben auf 2,5 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes verdoppeln und mit Japan, Deutschland oder Amerika gleichziehen. Zugleich dürfte das chinesische BIP sich bis dahin mindestens vervierfacht haben. 2035 könnte China die zweite und Indien die drittgrößte Wirtschaft nach Amerika sein. Schon jetzt stehen die beiden für 29 (Amerika: 5) Prozent des Weltverbrauchs an Weizen, 25 (14) Prozent des Kupfers, 36 (12) Prozent des Zinns und 34 (5) Prozent des Eisenerzes - Tendenz steigend.

          China und Indien sind Entwicklungsländer

          Einen Aufstieg wie denjenigen Chinas hat die Weltwirtschaft noch nie gesehen. Mit einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 9,6 Prozent über 26 Jahre läßt China selbst das Amerika zwischen 1820 und 1870 (4,2 Prozent) weit hinter sich. Doch trübt die Globalisierungsangst im Westen den nüchternen Blick.

          Die Fehleinschätzungen beginnen bei der derzeitigen Größe. Steht Amerika mit 5 Prozent der Weltbevölkerung für 28 Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Welt, Europa mit 8 Prozent der Bevölkerung für 31 Prozent, so kommen China und Indien mit 40 Prozent der Weltbevölkerung auf einen Anteil an der Weltwirtschaft von gerade einmal 7 Prozent (5 Prozent China, 2 Prozent Indien). China und Indien sind Entwicklungsländer, die noch über Jahre auf der Agrarwirtschaft aufbauen werden.

          45 Prozent der Chinesen arbeiten auf dem Feld, 22 Prozent in der Industrie. In Indien sind 60 Prozent Bauern und nur 16 Prozent Industriebeschäftigte. Fast jeder zweite der 1,3 Milliarden Chinesen erwirtschaftet weniger als 2 Dollar täglich. Unter den 1,1 Milliarden Indern sind es gar vier von fünf. In der Liste des World Economic Forum über die wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Erde fiel China im vergangenen Jahr um sechs Plätze auf Rang 58 zurück. Indien rangiert an 43. Stelle, Deutschland steht auf Platz 8.

          Bürokratie, Korruption und mangelnde Infrastruktur

          Beängstigender als die derzeitige Größe aber sind Wachstumsgeschwindigkeit und Verlagerungstendenzen. Kamen 1980 gut 4 Prozent der Textilexporte der Welt aus China, waren es 2004 schon 17 Prozent; der Anteil der Kleidung stieg von 4 auf 24 Prozent. Doch auch hier tröstet ein genauer Blick: China saugt zwar rund ein Zehntel der globalen Auslandsinvestitionen auf. Doch stammt nach Schätzung der Weltbank etwa ein Drittel davon aus innerchinesischen Geldern, die in Hongkong gewaschen werden, und ein weiteres Drittel von Auslandschinesen, die nirgendwo anders investieren würden. Auch bleibt die Verlagerung von Produktion in beide Länder schwierig: Bürokratie, Korruption und mangelnde Infrastruktur sind Hemmnisse.

          Zugleich steigen die Gehälter. In Indien legen sie für ausgebildete Mitarbeiter um bis zu 14 Prozent jährlich zu, stagnieren aber für unausgebildetes Personal. In den Metropolen an Chinas Ostküste sind Arbeitskräfte inzwischen so teuer, daß dies zu neuerlichen Produktionsverlagerungen führt - und zu Chancen für Indien, das als 10 Prozent billiger gilt.

          Kaufkräftige Mittelschicht

          Mindestens so wichtig wie die Lohnkosten sind Fragen wie Rechtsschutz, Patente, soziale und politische Sicherheit - und die dauerhafte Kraft des heimischen Marktes. In China und Indien nur für den Export zu produzieren rechnet sich selten. In beiden Staaten entwickelt sich eine kaufkräftige Mittelschicht im dreistelligen Millionenbereich. Während das zentral gelenkte China jetzt versucht, vom Wachstum durch Auslandsinvestitionen auf heimische Nachfrage umzuschwenken, war diese in Indien von Beginn an der Wachstumsmotor.

          Die größte Demokratie der Welt öffnete sich den globalen Märkten in den neunziger Jahren, China schon 1978. Sein Vorsprung blieb bis heute erhalten. Offen aber ist, welches Entwicklungsmodell auf Dauer tragfähiger sein wird.

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