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Zahlungssystem Target : Fast 1000 Milliarden Euro

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Die vierte Regelung besteht in den sogenannten Ela-Notfall-Krediten, die es einer jeden Notenbank erlauben, nach eigenem Gustus beliebig viel Geld zu drucken, es sei denn, zwei Drittel der Stimmen des EZB-Rates sind dagegen. Da die südeuropäischen Krisenländer und Irland in den entscheidenden Jahren eine Stimme mehr als ein Drittel hatten, konnte niemand verhindern, dass sich diese Länder für Hunderte von Milliarden Euro Ela-Kredite gewährten. Die fünfte Regelung besteht im sogenannten Anfa-Geheimabkommen, zu dessen Veröffentlichung die EZB erst durch einen Berliner Doktoranden gezwungen wurde. Danach darf eine Notenbank mit selbst gedrucktem Geld Wertpapiere kaufen. So erwarb die Banca d’Italia nach Maßgabe der Anfa-Regeln für 105 Milliarden Euro Staatspapiere. Die durch all diese Mechanismen erzeugten Kredite aus der Druckerpresse fanden reißenden Absatz bei den Geschäftsbanken, weil sie zu wesentlich günstigeren Konditionen als Kapitalmarkt-Kredite angeboten wurden.

Der exzessiven Kreditgeldschöpfung in den Krisenländern, die Nettoüberweisungen in die nordeuropäischen Länder ermöglichte, stand ein entsprechender Rückgang der Kreditgeldschöpfung in letzteren gegenüber, weil das bei den Banken anlandende Überweisungsgeld den Bezug von verzinslichem Kreditgeld von der eigenen Notenbank überflüssig machte. In den Jahren 2012 und 2013 gab es in Deutschland keinerlei eigenes Kreditgeld von der Bundesbank mehr. In Deutschland zirkulierte nur noch das Überweisungsgeld, das andere Notenbanken in Auftrag gegeben hatten.

Die zwei Target-Wellen

Der deutsche Target-Saldo stieg in der Krise in zwei Wellen an. Die erste erreichte mit einem Target-Bestand von 751 Milliarden Euro im August 2012 ihren Höhepunkt. Nach dem Lehman-Crash verweigerten sich die Kapitalmärkte einer Fortsetzung der Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite der südeuropäischen Länder und Irlands. Die ausländischen Anleger wollten zudem das bereits verliehene Geld sobald wie möglich zurückhaben und weigerten sich, Ersatzkredite zu gewähren. Ferner versuchten inländische Vermögensbesitzer, ihr Vermögen im Inland zu beleihen oder zu verkaufen und ihr Geld ins Ausland zu bringen. Die oben beschriebene Selbsthilfe mit der Druckerpresse ermöglichte es den Volkswirtschaften, die öffentlichen Überziehungskredite in Anspruch zu nehmen, die durch die Target-Salden gemessen werden.

In den letzten vier Jahren erlebten wir die zweite Welle. Sie wurde durch die Erwartung und Implementierung des Anleihekaufprogramms der EZB ausgelöst, nach dem in der Zeit vom März 2015 bis Juni 2018 für etwa 2,4 Billionen Euro Wertpapiere gekauft wurden, von denen zwei Billionen Staatspapiere waren. Obwohl jede Notenbank nur die Staatspapiere ihres eigenen Landes zurückkaufte, stiegen die Target-Salden nochmals an. Das lag zum einen daran, dass die Verkäufer die Überschussliquidität in Deutschland in Sicherheit bringen wollten. Das ist ein Aspekt, der angesichts der in Italien mit großer Macht wieder aufflammenden Euro-Krise eine zunehmende Bedeutung erhielt. Die Kapitalflucht aus Italien und auch aus dem stark betroffenen französischen Bankensystem war erheblich.

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