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Corona-Pandemie : Eine Krise wie keine andere zuvor

Eine verlassene Baustelle in Frankreich. Dem IWF zufolge könnte die französische Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 12 Prozent einbrechen. Bild: AP

Der International Währungsfonds zeichnet ein düsteres Bild von der Weltwirtschaft. Italien, Spanien und Frankreich leiden besonders.

          2 Min.

          Die Weltwirtschaft erlebt die schwerste Krise seit der großen Depression. Wegen der Pandemie und der Maßnahmen zu ihrer Eindämmung schrumpft in 95 Prozent aller Länder die Wirtschaftsleistung pro Kopf in diesem Jahr. Die öffentliche Verschuldung erreicht das höchste Niveau im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung überhaupt, seit diese Kennziffer gemessen wird. Das gilt für Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer gleichermaßen. Das ist zusammengefasst die Quintessenz des World Economic Outlook, den der Internationale Währungsfonds jetzt vorgelegt hat.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Prognosen sind mit großen Unsicherheiten behaftet, wie der Fonds einräumt. So bleibt ungewiss, wann und ob Impfmittel oder andere Behandlungen zu Eindämmung der Pandemie vorliegen werden und ob neue Infektionswellen auf die wirtschaftliche Aktivität drücken. Die jüngeren Entwicklungen haben den Fonds allerdings veranlasst, seine Vorhersage vom April nach unten zu revidieren: Die Weltwirtschaft schrumpft der Prognose zufolge in diesem Jahr um 4,9 Prozent. Fürs kommendes Jahr prognostiziert der Fonds ein Wachstum von 5,4 Prozent.

          Allerdings erwartet der Fonds nach zwei negativen Quartalen in vielen Ländern wirtschaftliche Expansion im dritten Vierteljahr dieses Jahres. Rund 75 Länder haben wirtschaftliche Beschränkungen gelockert und erlauben damit neue Aktivitäten. Allerdings erwarten die IWF-Volkswirte generell eine Erholung, die nicht alle Länder in gleicher Weise erfassen wird. Exportabhängige Länder können nur mit gedämpftem Wachstum rechnen. Länder, die stark vom Gastgewerbe und Tourismus abhängen, leiden ebenfalls stärker. Der Fonds registriert aber auch, dass die Umsätze im Einzelhandel in Ländern, die ihre Beschränkungen gelockert haben, deutlich angezogen sind.

          Nur Chinas Wirtschaft wächst

          Vergleichsweise glimpflich kommt den Berechnungen zufolge Deutschland davon. Die Wirtschaft bricht laut IWF in diesem Jahr zum Vorjahr um 7,8 Prozent ein, um 2021 dann um 5,4 Prozent zu wachsen. Damit steht das Land etwas besser da als die gesamte Euro-Zone, deren Wirtschaft um mehr als 10 Prozent schwächer ausfällt, wenn die IWF-Prognose zutrifft. Hart getroffen sind Italien, Frankreich und Spanien, deren Volkswirtschaften im Jahr 2020 um mehr als 12 Prozent einbrechen. Die Vereinigten Staaten verzeichnen ein Minus von 8 Prozent in diesem Jahr und ein Comeback von plus 4,5 Prozent im kommenden Jahr. China ist die einzige bedeutende Wirtschaftsmacht, die in diesem Jahr um rund ein Prozent wächst.

          Zu den Risiken, die das Bild noch verdüstern können, gehört die Möglichkeit, dass die Infektionszahlen wieder zunehmen und neue Maßnahmen zur Eindämmung erfordern. Entsprechende Entwicklungen zeichnen sich in Lateinamerika, einigen asiatischen Ländern und in Bundesstaaten in den Vereinigten Staaten ab.

          Die Chefvolkswirtin des Internationalen Währungsfonds, Gita Gopinath, lobte die Bemühungen der Regierungen und Zentralbanken auf der Welt. Sie hätten mit ihren Hilfen eine große Pleitewelle verhindert, Haushalte liquide gehalten und eine neue Finanzkrise abgewendet. Gopinath sieht aber eine beunruhigende Abkopplung der Finanzmärkte von der Realwirtschaft. Tatsächlich haben vor allem Aktien kaum an Wert eingebüßt durch die Pandemie. Die IWF-Volkswirtin fürchtet, dass könnte Ausdruck eines exzessiven Risikoverhaltens sein.

          Reiche Staaten sollen den armen helfen

          Voraussetzung für eine wirtschaftliche Erholung ist laut Gopinath auch die Beilegung geopolitischer und Handelskonflikte. Der globale Handel ist in der Pandemie kollabiert mit einem Minus von 12 Prozent. Gopinath fürchtet, dass die Krise arme Länder, Niedrigverdiener in reichen Ländern und Personen ohne gute Ausbildung besonders hart treffen wird. Zu den Herausforderungen gehört es, in Ländern mit einem großen informellen Wirtschaftssektor, Finanzhilfe zu den Leuten, die im Moment nicht arbeiten können oder dürfen, zu bringen. Der Fonds appelliert an die reichen Länder, ihren Gesundheitssektor zu stärken, um die Pandemie in den Griff zu bekommen und den armen Ländern zu helfen.

          Mittelfristig zumindest sieht der Fonds auch die öffentlichen Schulden, die ein Rekordniveau erreichen, als Problem an. Regierungen sollten Verschwendung zurückschneiden, die Besteuerung auf breitere Basis stellen und in einigen Ländern progressiver gestalten.

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