https://www.faz.net/-gqe-9y3cn

Umfrage unter Professoren : Viele Ökonomen warnen vor monatelangem Shutdown

Auch viele Spielplätze sind wegen der Coronavirus-Pandemie bis auf Weiteres geschlossen. Bild: Frank Röth

Volkswirte sind laut einer Umfrage vom Ifo-Institut und der F.A.Z. uneins, wie lange die Schließung von Gaststätten und Geschäften anhalten sollte. Eine Mehrheit hält nur ein paar Wochen für angemessen.

          2 Min.

          Viele Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland raten davon ab, die Schließung von Geschäften und Gaststätten bis in den Frühsommer aufrechtzuerhalten – selbst wenn es in der zweiten Maihälfte noch keine ausreichenden medizinischen Behandlungsmöglichkeiten gegen das Coronavirus gibt. Das ist das Ergebnis des neuesten Ifo-Ökonomenpanels, einer regelmäßigen Umfrage vom Münchener Ifo-Institut und der F.A.Z. unter Professoren an deutschsprachigen Universitäten. 155 Volkswirte haben diesmal teilgenommen.

          Niklas Záboji
          Redakteur in der Wirtschaft.

          So sind 77 der Ökonomen der Meinung, dass der gegenwärtige „Shutdown“ wegen zu hoher volkswirtschaftlicher Kosten nach einigen Wochen beendet werden sollte. Im Durchschnitt werden acht Wochen als Obergrenze genannt. Der Mittelwert, wie lange Deutschland den „Shutdown“ maximal durchhalten könnte, ist etwas höher. Elf Wochen werden dabei genannt.

          Dann würde das Risiko einer wirtschaftlichen Destabilisierung zu groß werden. Mehrfach wird indes darauf verwiesen, dass es sich um einen ethisch heiklen Zielkonflikt handelt. Nur 47 Teilnehmer empfehlen die Aufhebung der Eindämmungsmaßnahmen erst zu einem Zeitpunkt, zu dem die medizinische Versorgung für alle Bürger umfassend gesichert ist.

          Die Kostenfrage

          „Ich halte es für bedauerlich, wenn die wirtschaftspolitische Diskussion vorgibt, es gäbe vor allem ökonomische Kosten“, meint dazu Oliver Kirchkamp, Spieltheoretiker aus Jena. Die medizinischen Kosten der Infektion seien vielleicht etwas schwerer abzuschätzen, aber dennoch sehr groß.

          Die Kosten sind nicht nur der Einbruch der Wirtschaft: Rezessionen erhöhen auch Suizidraten, Drogenmissbrauch und häusliche Gewalt, betont dagegen Dominika Langenmayr von der Universität Eichstätt-Ingolstadt.

          Ein Teilnehmer, der nicht genannt werden will, empfiehlt eine „Task Force“ aus Ökonomen, Epidemiologen und Virologen. Sie sollte zusammen mit den zuständigen Ministerien Maßnahmen für einen Neustart der Wirtschaft in einigen Wochen erarbeiten.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Steffen Müller, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Magdeburg, legt den Fokus auf „die schnellstmögliche Entwicklung von Schnelltests“. Stünden diese zur massenhaften Anwendung ebenso zur Verfügung wie die Herstellung von Schutzkleidung für systemrelevante Berufe, sei dies „der praktikabelste Weg, um den Schutz der Gesundheit der Menschen und den Schutz ihrer wirtschaftlichen Existenzgrundlagen in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen“.

          Zwar üben einige Panel-Teilnehmer harsche Kritik am „Shutdown“. Die beschlossenen Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung finden zwei Drittel aber gut. Als mit Abstand wichtigste wirtschaftspolitische Maßnahme nennen sie das Kurzarbeitergeld, gefolgt von den staatlichen Bürgschaften für Unternehmenskredite. Für den Ifo-Forscher Niklas Potrafke „zeigt sich, wie wichtig es war, den Rufen nach neuen Schulden vorab eine Absage zu erteilen“ und nun finanziellen Spielraum zu haben.

          Auf europäischer Ebene fällt das Stimmungsbild überraschend differenziert aus: Einerseits begrüßen 48 Prozent das Anleihekaufprogramm der EZB in Höhe von 750 Milliarden Euro; 20 Prozent sind dagegen. Eine Ausweitung der EU-Fiskalkompetenzen lehnen 62 Prozent ab und finden nur 27 Prozent sinnvoll.

          Für eine einmalige Schuldenaufnahme auf europäischer Ebene zur Bekämpfung der Corona-Krise ist wiederum eine Mehrheit von 46 Prozent der Ökonomen. 43 Prozent lehnen solche „Corona-Bonds“ ab.

          Weitere Themen

          Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist Video-Seite öffnen

          Greenwashing : Warum nachhaltiges Investieren so schwer ist

          Grüne Investitionen erobern die Finanzmärkte. Mehr als 300 Milliarden Dollar flossen 2020 in „nachhaltige“ Anlagen und brachen damit den Rekord des Vorjahres. Doch wirklich "grün" zu investieren, ist schwieriger als es klingt.

          Topmeldungen

          Sieg im Zweiten Weltkrieg : Jetzt gibt Putin auch noch den Chefhistoriker

          Gab es neben der Sowjetunion nicht noch andere Mächte, die den Krieg gegen Hitlers Deutschland gewonnen haben? Wenn es nach Wladimir Putin geht, nein. Der Präsident dekretiert eine neue Lesart der Geschichte.
          Der einzige, der herausragte: André Silva

          Traum von Champions League : Eintracht Frankfurt versagt

          Das 3:4 gegen den Absteiger FC Schalke war eine peinliche Vorstellung der Frankfurter im Bundesliga-Endspurt. Ein Profi spricht nun Klartext – auch über Trainer Adi Hütter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.