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Deutscher Arbeitsmarkt : 14 Jahre Aufschwung nehmen ein jähes Ende

Ein geschlossenes Restaurant in Berlin Bild: dpa

Corona schafft, was nicht einmal die Finanzkrise 2008 fertigbrachte: Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland sinkt zum ersten Mal seit langer Zeit. Wie schnell kann sich der Arbeitsmarkt von diesem Schock erholen?

          4 Min.

          Das neue Jahr beginnt für den deutschen Arbeitsmarkt mit einer Nachricht, die vor Ausbruch der Corona-Pandemie wohl niemand für möglich gehalten hätte: Nach 14 Jahren Aufschwung, der selbst die große Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 überdauerte, ist die Erwerbstätigkeit im abgelaufenen Jahr erstmals wieder gesunken – und das sogar kräftig.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wie das Statistische Bundesamt am Montag anhand einer ersten Hochrechnung mitteilte, hatten im Krisenjahr 2020 durchschnittlich 44,8 Millionen Menschen eine bezahlte Arbeit. Das waren 477.000 oder 1,1 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Besonders große Beschäftigungsverluste verzeichneten der Handel, der Verkehr und das Gastgewerbe, aber auch die Industrie. Forschungsinstitute waren ursprünglich von einem Anstieg ausgegangen, wenn auch wegen des demographischen Wandels nicht mehr von einem so starken wie in früheren Jahren.

          Allerdings: Angesichts des enormen Einbruchs der Wirtschaftsleistung von um die 5 Prozent hätte es Fachleuten zufolge noch viel schlimmer kommen können. „Eigentlich hat der Arbeitsmarkt auf die Krise relativ robust reagiert“, sagt Ulrich Walwei, Vizedirektor am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB). Und auch Christoph Schmidt, Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, meint: „Gemessen an der Herausforderung, die wir zu meistern hatten, ist der Arbeitsmarkt viel glimpflicher davongekommen, als zu befürchten war.“

          Deutlich weniger Minijobber

          Zurückzuführen ist die niedrigere Erwerbstätigkeit insbesondere auf einen kräftigen Rückgang der marginal Beschäftigten von um die 7 Prozent. Sie sind oft als Minijobber in der Gastronomie und im Tourismus tätig – Branchen, die von den Corona-Einschränkungen hart getroffen wurden. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hingegen blieb, insbesondere durch den umfangreichen Einsatz der Kurzarbeit, stabil. „Die Unternehmen wollen ihre Stammbelegschaften offensichtlich halten, weil sie Sorge haben, nach der Krise keine neuen Mitarbeiter zu finden“, sagt Walwei. Dazu haben sie auch auf den Abbau von Überstunden und Arbeitszeitkonten gesetzt.

          Für die Erholung am Arbeitsmarkt, die sich durch eine Verlängerung des Lockdowns nun ohnehin verzögern dürfte, könne das jedoch zu einer Belastung werden, so Walwei: Denn bevor die Unternehmen neue Mitarbeiter einstellen und die Erwerbstätigkeit wieder substantiell wächst, dürften sie zunächst die Kurzarbeit zurückfahren. Das war schon in der Wirtschafts- und Finanzkrise zu beobachten: Im Krisenjahr 2009 war die Erwerbstätigkeit sogar noch leicht im Plus geblieben, im Jahr 2010 hat sie trotz eines kräftigen Wirtschaftswachstums aber kaum zugelegt.

          Hinzu kommt, dass sich die Wirtschaft in einem Strukturwandel hin zu mehr Klimaschutz und Digitalisierung befindet, der sich durch die Corona-Krise beschleunigt hat. Nicht nur die Industrie stehe vor großen Umbrüchen, sagt Wirtschaftsforscher Schmidt, auch die Reisebranche habe es zum Beispiel schwer. „Die Gewichte zwischen Sektoren, Branchen und Unternehmen verschieben sich. In so einer Welt eine neue Beschäftigung zu finden ist nicht leicht.“

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