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Folge der Pandemie : Chinas Wirtschaftsleistung schrumpft zum ersten Mal seit 1976

In Peking wird wieder gebaut. Trotz des Wirtschaftseinbruchs hat die Volksrepublik das Schlimmste der Krise hinter sich. Bild: Reuters

Die chinesische Wirtschaft leidet stark unter den Folgen des Virus. Der Einbruch ist aber weniger schlimm als befürchtet.

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          Die Pekinger „Volkszeitung“, das offizielle Verkündungsorgan von Chinas Kommunistischer Partei, hatte in ihrer Freitagsausgabe noch Unglaubliches vorhergesagt: Die chinesische Wirtschaft sei im ersten Quartal trotz ihrer abrupten Vollbremsung Anfang Februar nach Ausbruch des Coronavirus um rund 4 Prozent gewachsen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Ein Übersetzungsfehler der englischen Ausgabe, wie ein Blick in die chinesische Ursprungsversion zeigte. Dass Chinas Wirtschaft in der Krise stark zurückgefallen ist, kann auch die Führung des autoritären Staats nicht schönreden, die derzeit von immer mehr Ländern wie Großbritannien, Amerika und Frankreich offen für ihre Intransparenz und Vertuschungsversuche nach dem Ausbruch des Virus kritisiert wird.

          Um 6,8 Prozent ist Chinas Wirtschaftsleistung im ersten Quartal geschrumpft, lautet nun der am Freitagmorgen in Peking amtlich festgestellte Befund. Damit ist der seit 1976 ununterbrochen anhaltende Aufstieg zur zweitgrößten Wirtschaft der Welt erst einmal vorbei. Nie zuvor haben die Chinesen über ein Vierteljahr hinweg gerechnet weniger Waren und Dienstleistungen produziert als im Vorjahreszeitraum. Dass das Coronavirus immensen Schaden angerichtet hat, ist damit offiziell. Nun lautet die Frage, wie groß er tatsächlich ist – und wie es in den kommenden Monaten weitergeht.

          Ein erster Blick auf die Zahlen führt zum Schluss: Es hätte schlimmer kommen können. Zwar hatte der Durchschnitt der befragten Bankökonomen im Vorfeld einen etwas geringeren Einbruch erwartet. Doch die Bank Goldman Sachs etwa hatte einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 9 Prozent vorhergesagt. Auch ein Einbruch um ein Fünftel war hier und da befürchtet worden angesichts der offensichtlichen Schwierigkeiten, den chinesischen Supertanker nach seinem abrupten Stopp wieder in Fahrt zu bringen.

          Unternehmen fehlt die Nachfrage

          Dass die Industrieproduktion im Monat März nur um 1,1 Prozent geringer ausfiel als noch vor einem Jahr, macht Hoffnung. Denn dieser Wert, der Auskunft darüber gibt, was Unternehmen an Waren wie Maschinen und Konsumgüter herstellen, Minen tief im Erdreich an Kohle abbauen und Stromunternehmen an Elektrizität verkaufen, lag im Februar im Jahresvergleich noch bei minus 13,5 Prozent – und hat sich damit verbessert, was auf eine Erholung der Wirtschaft hinweist.

          Allerdings ist das Bild beim näheren Betrachten auch hier getrübt. Denn der Ausstoß der verarbeitenden Industrie lag im März immer noch um 10,2 Prozent unter dem Vorjahreswert. Das zeigt, dass es eben doch nicht sehr viel aussagt, wenn es heißt, Chinas Wirtschaft fahre wieder an und die Unternehmen seien wieder geöffnet. Denn vielen Unternehmen fehlt derweil schlichtweg die Nachfrage. Würden derzeit überall im Land nicht viele im Februar liegengebliebene Aufträge abgearbeitet, sähe das Bild wohl deutlich schlechter aus.

          Dass die Krise der chinesischen Wirtschaft noch eine ganze Weile anhalten dürfte, zeigt zudem der Blick auf den Konsum. Die Einzelhandelsverkäufe, die in Vorkrisenzeiten zu einem Viertel vom Verkauf von Autos ausgemacht wurden, lagen im März weiterhin um 15,8 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Im Februar hatte der Einbruch hier 20,5 Prozent im Jahresvergleich betragen.

          Die Investitionen in Infrastruktur, den Bau von Häusern, in Maschinen und Anlagen lag auf die ersten drei Monate gerechnet um 16,1 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Dass derzeit in China der Verkauf von Baggern in die Höhe schießt, weist darauf hin, dass die Regierung wohl wie einst nach der Finanzkrise 2008 wieder mit dem Bau von Brücken, Tunneln, Straßen und Bahnhöfen versuchen wird, den Einbruch im Rest der Wirtschaft auszugleichen. Ein so großes Konjunkturpaket wie damals, das fast ein Fünftel der damaligen chinesischen Wirtschaftsleistung ausmachte, kann Peking aber nicht schnüren – dafür sind die Staatsunternehmen des Landes seit der großen Rettungsaktion von vor 12 Jahren viel zu hoch verschuldet.

          Damals hatte China mit seinem 4 Billionen Yuan (damals rund 450 Milliarden Euro) die Weltwirtschaft gerettet. In der aktuellen Krise fällt das Reich der Mitte nicht nur aufgrund seiner hohen Verschuldung als Retter aus, glauben die meisten Ökonomen. Die chinesische Wirtschaft ist heute eine andere als damals. Vor allem ist sie weitaus größer. Das Land hat eigentlich längst genug Flughäfen und Bahnhöfe gebaut. In Investitionspaket, das wenig rentable Infrastrukturprojekte vorantreibt, käme wohl eher einer Tasse Wasser gleich, mit der der Brand im Dachstuhl gelöscht werden soll.

          Sicherheit auch auf der Baustelle: ein Bauarbeiter in Peking mit Gesichtsmaske.
          Sicherheit auch auf der Baustelle: ein Bauarbeiter in Peking mit Gesichtsmaske. : Bild: Reuters

          Der große Unterschied zur damaligen Krise ist, dass der Rest der Welt als Nachfrager für die Produkte der chinesischen Exportindustrie auf derzeit nicht absehbare Zeit ausfällt. Weil die Corona-Krise Amerika und Europa mit der Verzögerung von zwei Monaten nach China lahmgelegt hat, könnte der wahre Rückschlag für die Wirtschaft der Volksrepublik erst noch kommen.

          Dass die chinesischen Exporte im März nur um 6,6 Prozent unter dem Vorjahreswert lagen, vermittele ein falsches Bild, glauben Ökonomen. Der echte Einbruch komme wohl im April und Mai. In diesem Monaten könnten die Ausfuhren um 20 bis 45 Prozent sinken, prognostiziert etwa das Pekinger Analysehaus Gavekal Dragonomics.

          Überhaupt stellt sich angesichts des Drucks, unter dem die chinesische Führung in der Krise im Land selbst, aber auch jenseits der Grenzen im Rest der Welt steht, wie verlässlich die Konjunkturzahlen aus Peking sind. Die „Volkszeitung“ jedenfalls geht tatsächlich davon aus, dass Chinas Wirtschaft schnell wieder boomt. Die Prognose eines Wachstums von 4 Prozent bezog sich auf das gesamte erste Halbjahr – was nach dem Einbruch in den ersten drei Monaten wohl nun schon ein wahres chinesisches Wirtschaftswunder erfordern würde.

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