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Konjunktur : Chinas Wachstum wirft erste Schatten

Stadtmitte Schanghai: In Chinas Städten brummt es Bild: AFP

Die chinesische Wirtschaft wächst, als hätte es die globale Krise gar nicht gegeben. Angesichts eines Anstiegs um knapp 11 Prozent warnen Statistiker vor Inflation und Überhitzung der Wirtschaft. Der Unterschied zwischen Stadt und Land wird immer größer.

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          Die chinesische Wirtschaft hat das Wachstumsziel der Regierung 2009 deutlich übertroffen, steht nach offiziellen Angaben aber vor großen Herausforderungen. Man müsse 2010 versuchen, „die Preissteigerung unter Kontrolle zu halten und gleichzeitig für Wirtschaftswachstum zu sorgen. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe“, sagte der Vorsitzende des Nationalen Statistikbüros, Ma Jiantang, am Donnerstag in Peking. Er warnte vor einem „überhitzten Wachstum“ und nannte als weitere Stolpersteine ausufernde Anlagepreise, etwa für Immobilien, sowie Überkapazitäten. Wachstum zu sichern und gleichzeitig Anlageblasen und Teuerung zu bekämpfen sei eine „Herausforderung für die Geldpolitik“. China werde 2010 seine „proaktive Fiskalpolitik und die gemäßigt leichte Geldpolitik“ fortsetzen. Deshalb könnte „der Preisanstieg mild ausfallen und unter Kontrolle bleiben“, hofft Ma.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Nach Angaben der Statistiker stieg Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um 8,7 Prozent und somit um 0,7 Prozentpunkte stärker als geplant. Im vierten Quartal habe das Wachstum 10,7 Prozent betragen, nicht zuletzt wegen des schwachen Vergleichszeitraums 2008; Ökonomen hatten 10,9 Prozent vorausgesagt. 8,7 Prozent im Gesamtjahr sei ein guter Wert, sagte Ma, doch habe zwischen 1978 und 2008 das jährliche Wachstum im Durchschnitt 9,7 Prozent betragen. Der Statistikchef vermied es, eine Erwartung für 2010 zu äußern, sagte aber: „Chinas Wirtschaft wird 2010 ihr stetiges und relativ schnelles Wachstum fortsetzen.“ Wegen des schwachen Vergleichszeitraums werde man im ersten Quartal 2010 vermutlich ein „ziemlich hohes“ Wachstum ausweisen. Begünstigt werde die Entwicklung von den steigenden Investitionen und dem zunehmenden Verbrauch. Hinzu kämen neue Impulse aus dem Außenhandel. 2009 sei der Export um 16 Prozent auf 1202 Milliarden Dollar gefallen. Der Import habe sich um 11,2 Prozent auf 1006 Milliarden verringert, wodurch der Handelsbilanzüberschuss um ein Drittel auf 196 Milliarden Dollar geschrumpft sei.

          Ungewöhnlich offene Worte

          In ungewöhnlich offenen Worten benannte Ma, der zu Chinas hohen Funktionären zählt, die bestehenden Defizite. Zwar habe China 2009 Deutschland als wichtigstes Ausfuhrland überholt. „Wir sollten aber einen nüchternen Kopf behalten“, mahnte er. Die Exportstruktur müsse optimiert werden. Es gelte, künftig wettbewerbsfähigere und technisch höherwertige Produkte anzubieten. Ma deutete an, dass man statt an einer rein quantitativen künftig an einer mehr qualitativ orientierten Wirtschaftsentwicklung interessiert sei. „Wir müssen das Wachstumsmuster ändern, um zu einem effizienteren und höherwertigen Wachstum zu gelangen“, sagte er. Als wolle er das unterstreichen, wollte Ma nicht sagen, ob China schon 2009 Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst hat oder das erst für 2010 anstrebt.

          Ma verwies darauf, dass es nach Definition der Vereinten Nationen weiterhin 150 Millionen Arme im Land gebe, die ein Auskommen von weniger als 1 Dollar am Tag hätten; das sind mehr als 11 Prozent der Gesamtbevölkerung. „Trotz aller Erfolge müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass China noch immer ein Entwicklungsland ist.“ Es sei wichtig, den Wohlstand auf dem Land zu erhöhen. Die Zahl der Wanderarbeiter habe sich 2009 um 1,7 Millionen auf 149 Millionen erhöht. Der Unterschied zwischen Stadt und Land wachse: 2005 seien die verfügbaren Einkommen in der Stadt 3,22-mal so hoch gewesen wie auf dem Land. Bis 2008 sei dieser Wert auf 3,31 gestiegen und habe 2009 weiter zugenommen. Das ländliche Pro-Kopf-Einkommen sei 2009 real um 8,5 Prozent auf 5153 Yuan (etwa 520 Euro) gestiegen. Hingegen habe es in der Stadt um 9,8 Prozent auf 18 860 Yuan (1890 Euro) zugenommen.

          Bankfachleute sehen in den Zahlen eine Bestätigung dafür, dass sich Chinas Wirtschaft erhole. Einige fürchten jedoch eine bevorstehende Überhitzung. Einig ist man sich, dass die zur Krisenbekämpfung gelockerte Geldpolitik zurückgefahren wird. Am Mittwoch hatte die Bankenregulierungsbehörde angekündigt, die Höhe aller neuen Kredite für 2010 von 9500 Milliarden auf 7500 Milliarden Yuan (750 Milliarden Euro) zu verringern (China zügelt Kreditvergabe). Zuvor hatte die Zentralbank die Mindestreserveanforderungen an die Banken erhöht und die Renditen für bestimmte Staatspapiere angehoben. Die Investmentgesellschaft Industrial Securities in Schanghai erwartet für 2010 ein BIP-Wachstum um 11 Prozent und einen Anstieg des Verbraucherpreisindexes um 3,5 Prozent, nach minus 0,7 Prozent 2009. „Die Gefahr der Überhitzung wächst“, schreibt die Gesellschaft. Die Zentralbank werde abwarten, dann aber die Zinsen erhöhen, „zu einem unerwarteten Zeitpunkt und höher als erwartet“.

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