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Nah- und Regionalverkehr : Für neun Euro durch ganz Deutschland fahren

  • Aktualisiert am

Achtung an der Bahnsteigkante: Einfahrender Zug in Hannover Bild: dpa

Für je neun Euro im Monat ermöglichen die Sondertickets im Juni, Juli und August bundesweit Fahrten im Nah- und Regionalverkehr. Nach der Zustimmung des Bundesrats startet der Verkauf am Montag.

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          Der Bundesrat macht den Weg dafür frei, dass die 9-Euro-Monatstickets pünktlich zum 1. Juni starten können. Nach dem am Vorabend vom Bundestag beschlossenen Gesetz soll der Bund unter anderem 2,5 Milliarden Euro zum Ausgleich von Einnahmeausfällen bereitstellen. Das Ticket gilt im gesamten Nahverkehr – also in allen öffentlichen Verkehrsmitteln abgesehen von Fernzügen etwa der Deutschen Bahn oder von Flixtrain. Die DB will es ab Montag verkaufen.

          Von den Ländern, die das Vorhaben mit den Verkehrsverbünden umsetzen müssen, hatte es mehrmals Forderungen nach generell mehr Geld für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gegeben. Weitere 1,5 Milliarden Euro für den Ausgleich gestiegener Energie- und Personalkosten konnten sie jedoch nicht durchsetzen. Verankert im Gesetz sind gleichwohl Zahlungen von 1,2 Milliarden Euro zum Verlust-Ausgleich wegen der Corona-Pandemie.

          Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagte, die Erwartungen bei den Menschen seien groß. Daher wolle man das Ticket nicht aufhalten, auch wenn die Umsetzung aufwendig und das Geld des Bundes nicht reiche: "Wir brauchen deutlich mehr Mittel." Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) warnte vor einem Strohfeuer. Nach August drohten erhebliche Tarif-Steigerungen und auch eine Ausdünnung des Angebots. Bayern stimme aber mit geballter Faust zu.

          Wissing sieht Ticket als „Riesenchance“

          Die Sondertickets können im Juni, Juli und August für je 9 Euro im Monat gekauft werden – also viel günstiger als normale Monatskarten. Neben der Entlastung wegen der hohen Energiepreise soll es auch eine Schnupperaktion sein, um mehr Fahrgäste anzulocken und zum Umsteigen vom Auto zu ermuntern. Das 9-Euro-Ticket sei daher eine „Riesenchance“ für klimafreundliche Mobilität, erklärte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) bei der abschließenden Plenardebatte am Donnerstagabend. Aus seiner Sicht sei das Vorhaben schon jetzt ein Erfolg: „Ganz Deutschland spricht vom öffentlichen Personennahverkehr.“ Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Wir hoffen, dass möglichst viele Menschen dieses Angebot annehmen.“

          Kundenverbände und Verbraucherschützer warnten, dass es einen Ansturm gerade in den Sommer- und Ferienmonaten auf Regionalzüge etwa an die Küste oder in die Alpen geben werde, den die Bahnen nicht bewältigen könnten. Zudem könne es nach dem Auslaufen des Tickets eine Enttäuschung geben.

          Anbieter in den Startlöchern

          Bus- und Bahnbetreiber sowie Verbünde haben vor Wochen begonnen, Fahrkartenautomaten, Internetseiten und Apps mit dem neuen Angebot zu ergänzen. „Alle Unternehmen haben uns signalisiert, dass sie technisch bereit sind und dass es losgehen kann“, hieß es etwa beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Ein Großteil der Anbieter – darunter die Deutsche Bahn – will am Montag den Verkauf freischalten. Einige starten schon Samstag. Einzelne Anbieter haben sogar bereits die ersten Tausend Tickets verkauft, in Hamburg soll der Verkauf am Freitag beginnen.

          Das Ticket soll auch Millionen Menschen von den Preissteigerungen infolge des Ukrainekriegs entlasten, die nicht Auto fahren. Das sei grundsätzlich ein guter Ansatz, sagte der Verkehrsexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Jens Hilgenberg, der dpa. Wichtiger sei jedoch, dass der Bund dauerhaft deutlich mehr Geld für bessere Angebote in der Fläche zur Verfügung stelle. „Durch das 9-Euro-Ticket fährt erstmal kein zusätzlicher Bus im ländlichen Raum.“ Aber gerade dort müssten Alternativen zum eigenen Auto deutlich gestärkt werden, sagte Hilgenberg.

          Bundesrat billigt weitere Entlastungsmaßnahmen

          Die Länderkammer hatte zuvor bereits verschiedene andere Entlastungsmaßnahmen gebilligt. So sollen Verbraucher bei den Strompreisen entlastet werden. Nach mehr als 20 Jahren wird die sogenannte EEG-Umlage zum Juli abgeschafft. Die Umlage wurde im Jahr 2000 eingeführt, um die Förderung von Wind- oder Solaranlagen zu finanzieren. Kunden zahlen sie über die Stromrechnung. Sie beträgt momentan noch 3,72 Cent pro Kilowattstunde und war zu Jahresbeginn bereits gesenkt worden.

          Eigentlich sollte die EEG-Umlage erst Anfang 2023 abgeschafft werden, die Ampel zog das aber wegen der rasant gestiegenen Energiekosten vor. Experten erwarten dadurch zwar kein Sinken der Strompreise, aber zumindest eine Dämpfung des starken Anstiegs. Auch die Novelle des Energiesicherungsgesetzes billigte der Bundesrat. Mit ihr soll die Bundesrepublik angesichts der weitreichenden Folgen des Ukrainekriegs für die Energiesicherheit besser für eine mögliche Zuspitzung der Lage gewappnet werden.

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