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Bundespräsident Wulff in Lindau : Donnerhall am Bodensee

Der Bundespräsident: Banken retten Banken, Staaten retten Banken, Staaten retten Staaten. Wer rettet die Retter? Bild: dapd

Wulff rechnet in Lindau mit den Euro-Rettern ab, junge Ökonomen diskutieren mit den Göttern der Disziplin. Es gibt hohe Theorie und heiße Tänze.

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          Mit einem solchen Donnerwetter hatte am Bodensee niemand gerechnet. Bundespräsident Christian Wulff steht am Pult der Lindauer Inselhalle, vor ihm 17 Wirtschaftsnobelpreisträger, rund 370 junge Ökonomen aus aller Welt und hinten im Saal die internationale Presse. Wulff lächelt in den abgedunkelten Saal, viele erwarten eine präsidial-langweilige Eröffnungsrede. Doch dann kommt das Donnerwetter. Wulff nutzt seine Lindauer Rede für eine Generalabrechnung mit dem Irrungen und Wirrungen in der Finanz-, Schulden- und Euro-Krise. „Wir haben weder die Ursachen der Krise beseitigt, noch können wir heute sagen: Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Wir sehen tatsächlich weiter eine Entwicklung, die an ein Domino-Spiel erinnert: Erst haben Banken andere Banken gerettet, dann haben Staaten Banken gerettet, dann rettet eine Staatengemeinschaft einzelne Staaten. Wer rettet aber am Ende die Retter?“, fragt Wulff.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Im Saal ist es ganz still. Wulff feuert nun eine Breitseite gegen die Europäische Zentralbank (EZB) ab. Deren Staatsanleihekäufe rüffelt er als „rechtlich bedenklich“ und „weit über ihr Mandat hinaus“. Und viele Regierungen hätten den Ernst der Lage noch nicht erkannt: Erst „im allerletzten Moment“ zeigten sie Bereitschaft, Besitzstände und Privilegien aufzugeben und Reformen einzuleiten. Weil sie lange die desolaten Finanzen schleifen ließen, sind die Staaten nun unter Druck. Die Politik ließe sich „am Nasenring“ von Banken, Ratingagenturen und Medien „durch die Manage führen“, rügt Wulff.

          Wenig verdeckt kritisiert er, dass die Parlamente kaum noch beteiligt sind an den Entscheidungen. Und generell missfällt ihm, dass auf die geplatzte Kreditblase mit immer neuen Schulden reagiert wird. Das verschiebe nur die Lasten auf kommende Generationen. Zuletzt zitiert er Thomas Jefferson: „Wir haben die Wahl zwischen Sparsamkeit und Freiheit, oder Überfluss und Knechtschaft.“

          Eine „Monokultur“ – wie in der Landwirtschaft

          Die Rede hat die Ökonomen beinahe gelähmt, erst langsam regen sich Hände zum Beifall. In Lindau geht es diesmal, im vierten Jahr der Finanz- und Schuldenkrise, um Grundsätzliches: Was wäre eine nachhaltige Ökonomik? Was ist die Verantwortung der Ökonomen für die jüngste Krise? Hat ihre Wissenschaft insgesamt geholfen oder versagt? Roger B. Myerson (Nobel-Gedächtnispreis 2007) nimmt die Ökonomenzunft in Schutz. „Die Welt ist heute ein viel besser Ort, weil die Makroökonomik so viel gelernt hat seit 1929“, sagt er. Joseph Stiglitz (Preisträger 2001) ist anderer Ansicht. Die derzeit gängigen Makromodelle seien weitgehend dafür verantwortlich, dass es überhaupt zur Krise kam. Sie hätten die Politik in die falsche Richtung geführt. Daniel McFadden (Preisträger 2000), der Ökonom und gleichzeitig Landwirt ist, zieht sich eine Farmer-Schirmkappe auf und beklagt eine „Monokultur“ – wie in der Landwirtschaft mache die Monokultur auch die Finanzwelt anfällig für Krisen.

          Das vierte Lindauer Treffen der Ökonomen hat so viele Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises wie noch nie angezogen. Auch die Gruppe der Nachwuchswissenschaftler ist so groß und vielfältig wie noch nie. Ein Drittel sind Deutsche, der Rest stammt aus 65 Ländern der Erde. Chinesische Kamerateams umschwirren die Ökonomen.

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