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Bundesbankpräsident Weidmann : „Ich stehe im Feuer“

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Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet?

Mein Vorgänger Otmar Emminger hatte mit diesem Ausspruch sehr recht. Wenn jetzt wieder darüber diskutiert wird, ob man nicht ein bisschen mehr Inflation zulassen sollte, halte ich das für brandgefährlich. Die Inflation kann bereits dann zulegen, wenn sich die Inflationserwartungen erhöhen, selbst wenn per se kein Nachfrageanstieg vorliegt. Und das Gerede über höhere Inflationsziele fördert genau solche Befürchtungen.

Heute schon sind die Zinsen auf sichere Anlagen niedriger als die Inflation. Das ist eine schleichende Vermögensvernichtung, die man finanzielle Repression nennt.

Die gegenwärtigen negativen Realzinsen würde ich noch nicht als finanzielle Repression bezeichnen. Dazu käme es aus meiner Sicht erst, wenn der Staat auf die Anlageentscheidungen der Sparer Einfluss nehmen würde und Zwang ausübte. Aber negative Realzinsen sind Folgen der expansiven Geldpolitik in der Krise, die der Sparer unmittelbar spürt.

Wenn wir die Krise bewältigt haben, gibt es auch wieder positive Realzinsen?

Davon gehe ich aus. Negative Realzinsen sind nicht die Norm.

Als Nächstes soll jetzt noch die Haftung für die europäischen Banken vergemeinschaftet werden. Das nennt man Bankenunion. Was halten Sie davon?

Das ist nicht mein Verständnis der Bankenunion. Es sollte darum gehen, den Teufelskreis aufzubrechen, dass wankende Staaten und trudelnde Banken sich gegenseitig schwächen. Eine strengere gemeinsame Aufsicht, ein Abwicklungsmechanismus für Banken und eine bessere Regulierung müssen dafür sorgen, dass Schieflagen bei den Banken möglichst verhindert werden und sich, wenn sie eintreten, nicht auf die öffentlichen Haushalte auswirken. Dazu gehört auch, dass im Problemfall zunächst Eigentümer und Gläubiger haften und nicht der Steuerzahler. Außerdem dürfen nationale wirtschafts- und finanzpolitische Fehlentwicklungen nicht einfach über die Bankenunion auf die Steuerzahler der anderen Länder abgewälzt werden. Das wäre dann die Einführung der Gemeinschaftshaftung durch die Hintertür.

Was aber dann?

Wir müssen zum Beispiel dafür sorgen, dass die Bonität der Staaten nicht wie bisher auf die Banken durchschlägt und so die Finanzstabilität gefährdet wird. Deshalb rege ich an, den Banken eine Obergrenze vorzuschreiben, wie viele Staatsanleihen sie halten dürfen - und dass sie Staatsanleihen, wie andere Anlagen auch, mit Eigenkapital unterlegen. Davon ist in der Politik derzeit leider wenig zu hören.

Was kommt in der Euro-Krise im neuen Jahr auf uns zu?

Ich rechne mit einer graduellen Erholung - wenn die Reformen in den einzelnen Ländern auch umgesetzt werden. Zu den Risiken gehört daher, dass einzelne Länder sich verabschieden von diesem Konsens. Das ist keine abstrakte Warnung.

Wie hoch ist das Risiko, dass Italien, möglicherweise geführt von Silvio Berlusconi, das Sparen drangibt?

Die Einwürfe Berlusconis illustrieren, dass der Weg, den Europa gehen muss, in der politischen Diskussion immer wieder in Frage gestellt wird. Am Ende entscheidet die nationale Politik. Aber ich setze darauf, dass Italien seinen Reformkurs fortsetzt.

Sie haben erkennbar ein anderes Rollenverständnis als Ihr Vorgänger. Wenn der Ökonom Albert Hirschman sagt, man könne gegen Missstände entweder mit Abwanderung (Exit“) oder mit Widerspruch (Voice“) reagieren, dann hat Ihr Vorgänger den Exit gewählt, während Sie zwar protestieren, aber bleiben. Warum?

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