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Bundesbank-Vizepräsidentin : „Die Lage ist verzerrt“

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buch ist seit 2014 Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank und verantwortlich für Finanzstabilität. Bild: Bloomberg

Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch rät Banken, Boni und Dividenden vorerst nicht auszuschütten. Im Interview spricht sie auch über aufgeschobene Firmenpleiten, übermütige Anleger und die Gefahr einer Immobilienblase.

          5 Min.

          Frau Buch, in jeder Krise heißt es: „This time is different.“ Was ist in der Corona-Krise anders als 2008?

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anders als in der Finanzkrise sind dieses Mal alle Länder der Welt betroffen, wenn auch unterschiedlich stark. Und es handelt sich um eine Gesundheitskrise, die massiv die Realwirtschaft beeinträchtigt. In der globalen Finanzkrise war der Finanzsektor der Verursacher.

          Diesmal machen Banken keine Probleme?

          Wir haben keine Vertrauenskrise wie im Jahr 2008. Im Frühjahr zeigte sich relativ schnell, dass der Finanzsektor funktioniert, es gab keine Kreditklemme. Das lag an der expansiven Fiskal- und Geldpolitik. Der Finanzsektor ist geschützt worden, so dass der massive Schock in der ersten Phase gar nicht so sehr bei ihm angekommen ist. Abschreibungen und Wertberichtigungen auf Kredite waren bisher sehr gering. Das dürfte sich in nächster Zeit ändern.

          Wird die Zahl von Insolvenzen in die Höhe schießen, wenn die Aussetzung der Antragspflicht bald ausläuft?

          Die Lage ist im Moment verzerrt. Insolvenzen tauchen erst in den Statistiken auf, wenn Verfahren abgeschlossen sind. Aktuell sehen die Zahlen auf den ersten Blick noch gut aus – aber nur, weil viele Verfahren aufgeschoben werden. So wird es nicht bleiben, und die Sektoren werden unterschiedlich stark betroffen sein.

          Wen wird es besonders erwischen?

          Wir erwarten relativ gesehen einen starken Anstieg im Verarbeitenden Gewerbe. Bei den Dienstleistungen dürfte der Anstieg zahlenmäßig noch stärker sein. Wir starten allerdings von einem historisch niedrigen Niveau – in der Finanzkrise lag die Zahl der Insolvenzen bei rund 8000 pro Quartal. In jedem Fall werden zunehmende Insolvenzen, aber auch Gewerbeabmeldungen, bei den Banken zu Wertberichtigungen führen.

          Liest man einige Passagen des jüngsten Finanzstabilitätsberichts, könnte man zugespitzt zusammenfassen: Das dicke Ende kommt womöglich noch.

          Einen solchen Fall betrachten wir auch, aber nicht als Basisszenario, sondern als adverses Szenario. Darin würde das Finanzsystem stärker unter Stress gesetzt: Die Banken müssten unerwartet hohe Verluste realisieren und Abschreibungen vornehmen. Das würde ihr Eigenkapital unter Druck setzen. Die Banken könnten dann ihr Geschäft zurückfahren und weniger Kredite vergeben, um ihre Kapitalquoten zu stabilisieren. In der Folge würde eine negative Ansteckung auf die Realwirtschaft drohen. Genau das wollen wir verhindern. Dank der Reformen seit der Finanzkrise haben die Banken heute größere Kapitalpuffer. Diese können sie nutzen, um weiter Kredite zu vergeben.

          Wie viel Lockdown vertragen Realwirtschaft und Finanzsystem noch?

          Es gibt sehr viele Unsicherheiten. Im Sommer haben wir ein Basisszenario entwickelt, in dem wir ein gewisses Auf und Ab berücksichtigt haben. Das wäre vom Finanzsystem durchaus verkraftbar. Die Banken haben ausreichende Puffer. Aber Banken und öffentliche Stellen sollten sich auch auf negativere Entwicklungen und den Umgang mit höheren Insolvenzen vorbereiten.

          Sind die Banken so stabil, dass sich Steuerzahler nicht auf das Schlimmste einstellen müssen wie 2008?

          Seitdem ist einiges passiert. Wir haben sehr viel mehr Kapitalpuffer im System. Große Banken mussten zusätzliches Eigenkapital aufbauen. Zudem sind neue Institutionen zur Abwicklung und Sanierung von Banken in Schieflage etabliert worden. Das alles schützt Steuermittel. Wichtig ist aber auch, dass die neuen Regeln angewandt werden, sollte es zu Schieflagen von Banken kommen.

          Wiegen sich die Banken in einer trügerischen Sicherheit, weil es viele Jahre recht wenig Insolvenzen und damit Kreditausfälle gegeben hat?

          Ich würde nicht sagen, dass die einzelnen Banken nachlässig geworden wären. Ihnen muss klar sein, dass die aktuelle Lage alles andere als gut ist.

          Menschen sind nun weniger diszipliniert als im Frühjahr. Gilt das auch für Banken in Bezug auf Boni und Dividenden?

          Im Grunde ist es ja ähnlich: Man will heute schöne Dinge machen, essen gehen, Freunde treffen oder verreisen. Mit diesem gemeinsamen Verzicht investieren wir in die Stabilität des Gesundheitssystems. Ähnlich ist es im Finanzsystem: Ausschüttungen werden aufgeschoben, um in die Stabilität des Finanzsystems zu investieren. Es herrscht so viel Unsicherheit, dass die Banken alles tun sollten, um ihre Widerstandskraft jetzt nicht zu schwächen. Später können sie Dividenden immer noch ausschütten, wenn das Schlimmste ausgeblieben ist. Umgekehrt funktioniert es nicht: Dividenden, die einmal ausgeschüttet sind, holen sie nicht wieder zurück.

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