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Bundesbank-Prognose : Die Preise steigen, aber das Wachstum schwächelt

  • -Aktualisiert am

Ein Arbeiter arbeitet beim Industiekonzern Alstom am Gehäuse einer Dampfturbine. Bild: dpa

Auf eine Abkühlung der Wirtschaft weist die Bundesbank als auch der wichtige Ifo-Geschäftsklimaindex hin. Schon bald droht eine Stagflation.

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          Lieferengpässe und Materialknappheit bremsen die Erholung der deutschen Wirtschaft stärker als erwartet. Die Wirtschaftsleistung werde „wohl auch im Herbst ihr Vorkrisenniveau vom Schlussquartal 2019 noch verfehlen", schreibt die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht. Im Jahr 2021 insgesamt werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) daher „deutlich weniger zulegen“ als noch in der Juni-Projektion erwartet. Damals hatte die Notenbank für das laufende Jahr einen Zuwachs des BIP um 3,7 Prozent prognostiziert. Andere Institute hatten ihre Prognosen in den vergangenen Wochen ebenfalls teils deutlich nach unten korrigiert.

          Svea Junge
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          „Im laufenden Quartal wird die gesamtwirtschaftliche Aktivität voraussichtlich deutlich schwächer zulegen", heißt es in dem am Montag veröffentlichten Bericht. Der kräftige Schwung im Dienstleistungssektor dürfte nach Einschätzung der Bundesbanker erheblich nachlassen und die Industrie weiter unter den Lieferschwierigkeiten leiden.

          Darauf, dass sich die Erholung der deutschen Wirtschaft im Oktober verlangsamt hat, deutet auch der Ifo-Geschäftsklimaindex hin. Der Index des Münchner Ifo-Instituts, der die Stimmung der deutschen Unternehmen erfasst, sank im Vergleich zum Vormonat um 1,2 Punkte auf 97,7 Zähler. Es war der vierte Rückgang in Folge. Zuletzt war der Index im Frühjahr 2020, auf dem Höhepunkt der Corona-Krise, derart oft hintereinander zurückgegangen. Das am Montag veröffentlichte Barometer, das auf der Befragung von rund 9000 Unternehmen basiert, gilt als ein wichtiger Konjunkturindikator. 

          „Sand im Getriebe der deutschen Wirtschaft“

          „Lieferprobleme machen den Firmen zu schaffen“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Kapazitätsauslastung in der Industrie sinke. Sie gab im Oktober um 2,1 Prozentpunkte auf 84,7 Prozent nach. Fuest warnte: „Sand im Getriebe der deutschen Wirtschaft hemmt die Erholung.“

          Der Pessimismus zieht sich durch fast alle Branchen. Die Unternehmen aus Industrie, Dienstleistungssektor und Handel beurteilten ihre Zukunftsaussichten allesamt negativer. „Aus der Corona-Krise ist eine Knappheitskrise geworden“, erklärte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Die Materialknappheiten lasteten schwer auf den Industrieunternehmen.

          Während Industrie und Handel auch ihre aktuelle Lage schlechter als noch im Vormonat, waren die Dienstleister etwas zufriedener mit dem laufenden Geschäft. Insgesamt besser war die Stimmung im Oktober einzig im Bauhauptgewerbe. Der Teilindex konnte zum sechsten Mal in Folge zulegen.

          So niedrig wie zuletzt im Frühjahr 2020

          Auch andere Stimmungsindikatoren weisen auf deine Abkühlung der Wirtschaft hin. Der am Freitag veröffentlichte Einkaufsmanagerindex des Londoner Markit-Instituts sank im Oktober um 3,5 Punkte auf nunmehr 52 Zähler – den niedrigsten Wert seit acht Monaten. Damit rangiert der Wert nur noch knapp über der Schwelle von 50 Punkten, die Wachstum signalisiert. Der Teilindex der deutschen Industrieproduktion rutschte sogar auf 51,1 Punkte. So niedrig war der Wert zuletzt im Frühjahr 2020 gewesen. Die Umfragedaten deuteten darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland zu Beginn des vierten Quartals 2021 zu stagnieren beginne, schrieb Markit-Ökonom Phil Smith.

          Als „besorgniserregend“ bewertete er, dass die Wachstumsverlangsamung mit einer Beschleunigung des Anstiegs der Einkaufs- und Verkaufspreise der Unternehmen zusammenfalle. Insbesondere der jüngste Anstieg der Energie- und Kraftstoffpreise habe dazu beigetragen, den Inflationsdruck zu verstärken. Für das vierte Quartal zeichne sich daher eine Stagflation – ein Anstieg der Preise bei wirtschaftlicher Stagnation – ab, warnte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Der Rückgang des Ifo-Geschäftsklimas sei ein „Warnsignal“. Die Unternehmen ahnten, dass die Politiker auf die stark ansteigenden Corona-Infektionen mit neuen Beschränkungen reagieren würden. „Außerdem führt die neue Corona-Welle vor allem in Asien zu Fabrikschließungen, was den Materialmangel hierzulande verschärfen wird“, sagte Krämer.

          Die Rückkehr der deutschen Wirtschaft zu ihrem Vorkrisenniveau in diesem Jahr werde immer unwahrscheinlicher, sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Es sei schwer vorherzusagen, wann die Reibungen in den Lieferketten überwunden seinen. Es könne sogar bis zum nächsten Sommer dauern, bis alle Störungen beseitigt seien. Auch bei den Energiepreise erwartete er eine Entspannung erst nach dem Winter.

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