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Schwächelnde Konjunktur : Schwellenländer im Abwärtssog

Ein einfacher Rückgang der Rohstoffpreise würde Brasilien noch nicht das Genick brechen. Lateinamerikas größte Volkswirtschaft kann Soja, Eisenerz und Fleisch günstiger produzieren als die meisten Konkurrenten und bleibt auch bei niedrigen Preisen im Geschäft. Aber Brasiliens Probleme sitzen tiefer. Dass der staatlich kontrollierte Ölkonzern Petrobras vom Flaggschiff zum Schandfleck geworden ist, liegt nicht am Verfall der Ölpreise. Der Konzern steht im Mittelpunkt eines gigantischen Korruptionsskandals, der Wirtschaft und Politik des Landes lähmt. Staatspräsidentin Dilma Rousseff, die den ineffizienten Ausbau der Staatswirtschaft vorangetrieben hat, ist diskreditiert. Notwendige Sparmaßnahmen, die Brasiliens Kreditwürdigkeit retten sollen, werden im Parlament blockiert, überfällige Reformen gar nicht erst angepackt. Auch in China zeigen sich nun strukturellen Schwächen. Jahrelang hatte die zweitgrößte Wirtschaft mit ihrem gigantischen Hunger nach Investitionsgütern und Rohstoffen die Konjunktur der Welt gestützt. Zwei Drittel des Gewinns von VW entfallen nach Analystenschätzung auf das Reich der Mitte. Doch jetzt brechen die Absätze ein. Das VW-Händlerhaus im Westen Schanghais steht leer. Der Händler berichtet, seit ein paar Wochen gäben immer öfter Kunden ihren gerade gekauften Lavida oder Passat zurück. Chinas überraschende Währungsabwertung wird als Zeichen der Verzweiflung gedeutet. Es wird schwierig, die angepeilten 7 Prozent Wachstum noch zu erreichen.

Noch schlagen die Konjunkturforscher keinen Alarm

Dass die Wachstumsraten abflachen müssen, war absehbar. Die Frage ist nur: Wie stark wird der Rückgang? Fest steht, dass die Zahl erwerbsfähiger Chinesen langsamer wächst, ebenso flachen sich Investitionen und Produktivität ab. Diese „neue Normalität“, von der Chinas Präsident Xi Jinping spricht, ist nur ein Grund für die Bremsung. Der andere findet sich in den leeren Verkaufsräumen der Immobilienmakler. Es gibt nach Ansicht von Ökonomen Überkapazitäten auf dem Häusermarkt. Dass seit Frühjahr 2014 die Preise ein Jahr lang zu fallen begannen, hat die Wohnungsbesitzer getroffen. Derzeit stabilisieren sich die Preise auf niedrigem Niveau, eine Erholung dürfte aber dauern. Stark verunsichert hat viele Chinesen der Einbruch an den Börsen seit Juni.

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Arm dran sind auch viele Russen: 100 Rubel für ein Brot zahlen sie. Das ist viel für russische Verhältnisse, deutlich mehr als vor einem Jahr. Die Währung ist verfallen: Ein Euro kostet heute 72 Rubel, rund 50 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Regale in den Läden sind zwar voll – aber man muss sich den Einkauf leisten können. Im Juli erreichte die Inflationsrate knapp 16 Prozent. Der schwache Rubel verteuert Importe und schränkt den Spielraum für Zinssenkungen der Zentralbank empfindlich ein. Der Leitzins von gegenwärtig 11 Prozent ist viel zu hoch für eine Wirtschaft, die sich in der Rezession befindet. Für 2015 rechnet der IWF mit einer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung um 3,4 Prozent. Der niedrigere Erdölpreis und die Folgen der Sanktionen wegen der Ukraine-Krise treffen Russland hart.

Droht der Weltwirtschaft wegen der Schwellenländer-Bremsung ein Einbruch, der auch Europa und Deutschland lähmen wird? Die Konjunkturforscher schlagen noch nicht Alarm. Die meisten Schwellenländer haben hohe Devisenreserven aufgebaut, die sie in Krisenzeiten einsetzen können. Und die gut laufende Konjunktur in den Vereinigten Staaten kompensiert viel von der Schwäche der Schwellenländer. Doch die anstehende Zinswende in Amerika wird dort wohl konjunkturdämpfend wirken und bringt Unwägbarkeiten mit sich. „Die globale Niedrigzinsphase ist eine außergewöhnliche Situation“, sagt Schnabel. „Wenn man in die Wirtschaftsgeschichte zurückschaut, sieht man, dass Finanzkrisen fast immer in Phasen steigender Zinsen aufgetreten sind.“

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