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Indien : Bombays Slum steht zum Verkauf

Die Bevölkerung des Slums wehrt sich Bild: REUTERS

In Dharavi, Indiens größtem Slum, leben Millionen Menschen. Sie müssen um ihr Dach über dem Kopf fürchten. Denn bald könnten die Bulldozer kommen, ihre Hütten beiseite räumen und lukratives Bauland aus der gewonnenen Fläche machen. Aus Bombay berichtet Christoph Hein.

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          Für das Waschen eines Hemdes bekommt Chaturvedi 2 Rupien. Bis über die Knie stehen er und seine Kollegen in den riesigen Becken mit Seifenlauge. Auf den Dächern der Wellblechhütten, auf verrotteten Mauern, auf Leinen zwischen den Verschlägen, überall hängt die Wäsche zum Trocknen. „Die Menschen wollen saubere Kleidung. Wir waschen hier auch für Hotels und Fabriken. Die Arbeit ist sicher“, sagt Chaturvedi.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Doch die Sicherheit ist trügerisch. Denn so sauber, wie die Menschen in Indiens Wirtschaftsmetropole Bombay aussehen wollen, so sauber soll bald auch ihre Stadt werden. Da stört Dharavi. Für die Vertreter des neuen Mumbai, wie Bombay inzwischen heißt, ist es ein Schandfleck. Für Chaturvedi und seine vierzehnköpfige Familie ist Dharavi hingegen Heimat. Jetzt soll der größte Slum Bombays, der größte Indiens und einer der größten der Welt, verkauft werden.

          Zu Hause in „Shanty Town“

          Dharavi ist eine eigene Millionenstadt mitten in der Metropole. Die Verschläge der Einwohner, oft zwei- oder dreistöckig, stehen im Zentrum einer der teuersten Städte der Welt. Rund um Dharavi steigen die Mieten um 40 Prozent im Jahr. „Shanty Town“ ist zugleich einer der am besten ausgestatteten, am besten organisierten Slums der Erde. Die Mafia verteilt abgezapften Strom und Wasser, das aus angebohrten Fernleitungen rinnt. Selbst der Müll bietet den Menschen Arbeit. Er wird sortiert, gehäckselt, granuliert. So macht die Not aus Dharavi den größten Umweltzerstörer Bombays und den größten Recyclinghof.

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          Das Elendsquartier ist Schmelztiegel für Religionen, Rassen, Kasten. Die Töpfer kommen aus Gujarat, die Gerber sind Tamilen. Aus dem Armenhaus Uttar Pradesh kommen die Näher, die in den Kaarkhanas, den Minifabriken, in Schichtarbeit Jeans zusammensetzen. Wer nicht arbeitet, schläft neben der niemals stillstehenden Maschine. Im Schnitt leben hier 16 Menschen auf 100 Quadratmetern. Mehr als eine halbe Milliarde Euro jährlich soll die Wertschöpfung im Slum betragen.

          „Die Chance des Jahrtausends“

          Die Anzeige, die über Dharavis Zukunft entscheidet, klingt vollmundig. „Die Chance des Jahrtausends“ steht in weißen Lettern auf schwarzem Grund. Und: „Denken Sie daran, solche Gelegenheiten bekommen Sie nicht zweimal im Leben.“ Gesucht werden „Internationale Entwickler“. 93 Milliarden Rupien (1,7 Milliarden Euro) müssen sie für das gut 144 Hektar große Gelände in die Hand nehmen. Was sie sonst noch mitbringen müssen? „Der Käufer sollte zumindest ein Immobilienprojekt auf mindestens 40 Hektar Fläche vollendet haben. Und er sollte in der Lage sein, dieses Projekt in sieben Jahren abzuschließen.“

          Das wird nicht einfach werden. Immer mehr Menschen drängen vom Land in die 17-Millionen-Metropole Mumbai, in der ein Drittel der Einwohner unter Wellblech oder Plastikplanen haust. Die Gründe liegen auf der Hand: Während Indiens Volkswirtschaft um 9 Prozent jährlich wächst, hinkt die Landwirtschaft mit 2 Prozent hinterher. Bauern verarmen, bringen sich zu Hunderten um, wenn der Monsunregen ausbleibt. Wer Dharavi erreicht, der findet Arbeit und eine Pritsche. Warum also sollten Chaturvedi und die anderen gehen? Und wohin?

          Selbst die Sozialwohnungen sind zu teuer

          „Für sie wird gesorgt“, verspricht Mukesh Mehta. Der weltgewandte Architekt und Stadtplaner mit der hohen Stirn, der lange in Amerika lebte, ist Initiator des Projektes. Er sucht den Dialog. Seine E-Mail-Adresse, sogar seine Handynummer veröffentlichte er in der Anzeige. Millionen Leser rund um den Erdball kennen sie nun. Nur leider nimmt unter der Nummer niemand ab. Die einen sagen, Mehta wolle die Stadt sanieren. Die anderen sagen, Mehta wolle nur sich selbst sanieren.

          Der Plan des Achtundfünfzigjährigen sieht vor, dass der „internationale Entwickler“ den Slum abreißt. Den Wert der freigewordenen Fläche im Stadtzentrum schätzen Fachleute auf mindestens 7,5 Milliarden Euro. Die Hälfte des Bodens nutzt der Käufer dann für den Bau von Appartements, Einkaufsmeilen oder eines Freizeitparks. Mit dem Erlös aus diesen Geschäften muss er im Gegenzug Sozialwohnungen bauen. 57.000 Familien, gut 300.000 Menschen, die vor 1995 in Dharavi lebten, sollen eine kostenlose Wohnung mit 21 Quadratmetern bekommen - weniger, als die meisten jetzt haben. Wer keine Wohnung zum Nulltarif erhält, soll für jedes Jahr nach 1995 5 Prozent des Marktwertes seiner neuen Bleibe zahlen. Wäre das Projekt wirklich im Jahr 2014 fertig, würde dies allerdings praktisch einhundert Prozent ausmachen, was keiner der Bewohner Dharavis zahlen könnte.

          McKinsey lässt grüßen

          So weit ist es noch nicht. Zwar beschleunigt sich auch in Indien der Entwicklungsprozess, wie etwa der Bau neuer Flughäfen zeigt. Doch es regt sich zunehmend Widerstand. Blutige Ausschreitungen verhinderten jüngst den Bau einer Sonderwirtschaftszone in Westbengalen. Wann immer sich in der größten Demokratie der Welt Widerstand regt, wird es schwer, ein Projekt voranzutreiben. Denn auch die Armen haben bei Wahlen eine Stimme. Sie organisieren sich über die Nationale Vereinigung der Slumbewohner. Die warnt vor dem Bau „vertikaler Slums“, zu denen sich Mehtas Hochhäuser entwickelten.

          Unter der Überschrift „Die Plünderung von Mumbais Slums“ veröffentlichte die Zeitung „The Hindustan Times“ gerade eine ernüchternde Bestandsaufnahme des städtischen Aufbauprogramms, das von Betrug und Bestechung geprägt sei: Von den zugesagten vier Millionen Wohnungen seien zwischen 1995 und 2005 gerade einmal 65.000 gebaut worden. Und das, obwohl die Pläne für Immobilienkonzerne verlockend sind: „Der Entwickler schickt Bulldozer, baut dann Hochhäuser auf dem riesigen Gelände, wo sich zuvor der Slum ausdehnte. Das freigeräumte Land ist eine Goldmine.“ Die Räumung der Armenviertel ist Teil eines 40 Milliarden Dollar schweren Entwicklungsplans, der auf einer Studie von McKinsey basiert.

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