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Beschäftigung : Ein Wunder am deutschen Arbeitsmarkt

Meister von morgen? Auszubildende im Porsche-Werk Leipzig Bild: dpa

Die Wende am Arbeitsmarkt ist deutlich sichtbar: Die Zahl der offenen Stellen übersteigt die der gestrichenen Stellen. Auszubildende werden umworben wie nie.

          Die Wende auf dem Arbeitsmarkt ist deutlich sichtbar. Was die Bundesagentur für Arbeit aus ihren Arbeitsämtern meldete, das zeichnet sich als Besserung auch bei den Unternehmen ab. Die vierteljährlich von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erhobene Aufstellung über Meldungen aus der Wirtschaft über jeweils mehr als 100 geplante Neueinstellungen oder Stellenstreichungen hat sich in der Tendenz völlig gedreht. Überschritt im vergangenen Jahr die Zahl der Stellenstreichungen jene der Neueinstellungen um mehr als das Doppelte, so ist es im ersten Quartal dieses Jahres genau umgekehrt. Es hatte sich abgezeichnet. „Neuer Beschäftigungsrekord in Sicht“ lautete am 31. Dezember die Überschrift des Ausblicks auf den Arbeitsmarkt 2014. Und das Ifo-Institut hatte angekündigt, dass sich die gute Stimmung in der Wirtschaft bald auch auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen werde.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Dieser Niederschlag ist dann sogar schneller gekommen als erwartet. In den ersten drei Monaten ist von Großunternehmen angekündigt worden, gut 16.000 Stellen zu streichen. Selbst wenn man die durch die Insolvenz der Baumarktketten Praktiker und Max Bahr noch unsicheren knapp 7000 Stellen hinzurechnet, erreicht man mit fast 24.000 gestrichenen Stellen nicht die Zahl der neuen Arbeitsplätze, die bei mehr als 36.000 in den ersten drei Monaten lag. Wie schnell der Aufschwung den Arbeitsmarkt erreicht hat, zeigt sich daran, dass allein die im ersten Quartal angekündigten Neueinstellungen schon den gesamten Vorjahreswert von 25.000 deutlich übersteigen. In vielen Branchen werden Mitarbeiter gesucht. Die hohe Zahl offener Stellen bei Personaldienstleistern zeigt an, dass auch die Nachfrage nach Zeitarbeitskräften deutlich gestiegen ist.

          Stellenabbau in Deutschland

          Insgesamt dürfte die Zahl der offenen Stellen deutlich höher sein, weil gerade der Mittelstand viele Vakanzen hat, ohne die für die Zählung der F.A.Z. notwendige Mindestzahl von 100 Neueinstellungen zu erreichen. Die Beratungsgesellschaft Ernst&Young schätzt, dass der Mittelstand nur aufgrund fehlender Mitarbeiter auf 31 Milliarden Euro Umsatz im Jahr verzichten muss. Es geht offenbar vielen Unternehmen wie dem Porzellan- und Sanitärhersteller Villeroy&Boch, der auf seiner Jahrespressekonferenz deutlich machte, dass „die zu geringe Zahl an Installateuren unser Wachstum begrenzt“. Im Installateurhandwerk würden für Großbaustellen schon Mitarbeiter von der Konkurrenz mit Handgeld abgeworben.

          Das Elektrohandwerk sucht 27.000 Elektrofachkräfte, teilte der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke ZVEH auf der Fachmesse Light+Building vor wenigen Tagen in Frankfurt mit. Froh zeigte sich ZVEH-Hauptgeschäftsführer Ingolf Jakobi darüber, dass die Elektrohandwerke gegen den allgemeinen Trend im Handwerk im vergangenen Herbst die Zahl der Ausbildungsverträge gegenüber dem Vorjahr um 2,5 Prozent steigern konnten. „Trotz dieser guten Entwicklung muss es das Ziel sein, künftig noch mehr Nachwuchskräfte für das Elektrohandwerk zu begeistern“, forderte Jakobi. „Es gelingt uns kaum, Mädchen als Auszubildende zu gewinnen“, beklagt er. Positiv sei dagegen, dass immer mehr Studienabbrecher des Studiengangs Elektrotechnik eine Lehre machten. Um diesen Menschen eine Aufstiegsperspektive zu bieten, ohne sich als Meister selbständig machen zu müssen, denke der Verband über eine neue Qualifizierungsstufe zwischen dem Gesellen und dem Meister nach. Es sei längst nicht so, dass für jeden Gesellen die Selbständigkeit als Meister eine attraktive Aussicht sei, sagt Jakobi. Viele schreckten sogar vor der Selbständigkeit zurück, wollten aber Karriere machen. Wie die neue Qualifizierungsstufe aussehen kann, ist allerdings offen.

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