https://www.faz.net/-gqe-7wuw0

Aufschwung : Der Mythos vom prekären Arbeitsmarkt

Immer weniger Menschen in Deutschland müssen den Gang zum Arbeitsamt antreten. Bild: dpa

Zum ersten Mal sind mehr als 43 Millionen Menschen in Deutschland beschäftigt. Vor allem viele normale Arbeitsplätze hat der Aufschwung geschaffen - allen Warnern zum Trotz. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte.

          Diese Woche geizt nicht mit historischen Meilensteinen. Während über die Null im Bundeshaushaltsplan noch gestritten wird, inwieweit sie angesichts von Schattenhaushalten und Konjunkturrisiken überhaupt für die Geschichtsbücher taugen mag, ist eine andere Zahl über solche prinzipiellen Zweifel erhaben: Im Oktober übertraf die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland erstmals die Marke von 43 Millionen.

          Auch wenn die am Donnerstag veröffentlichten vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes später einmal auf den Nachkommastellen korrigiert werden sollten, ändert sich doch nichts an der fast wundersam zu nennenden Erfolgsgeschichte, die sich am deutschen Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren zugetragen hat. Und die sich sogar im aktuell schwierigen politischen und konjunkturellen Umfeld fortsetzt. Innerhalb nicht einmal eines Jahrzehnts hat sich die Arbeitslosenzahl von fünf Millionen somit fast halbiert.

          Bürokratische Denkschemata

          Ein solcher Moment ist auch geeignet, um endlich mit einem Mythos am Arbeitsmarkt aufzuräumen, der von interessierten Stellen seit Jahren erfolgreich am Leben gehalten wird. Es geht um die Behauptung, dass das „German Jobwunder“ vor allem unsichere Billigjobs und Hungerlöhne hervorgebracht habe. Dass die Legende vom dynamischen prekären Arbeitsmarkt eben eine solche ist, belegen die Daten klar. Doch was scheren schon die Fakten, wenn die steile These eigene politische Forderungen nach mehr Regulierung und Gesetzen über Mindestlöhne so schön stützt?

          Gerade erst haben es neue Statistiken eindrucksvoll belegt: Der Aufschwung am Arbeitsmarkt bringt Deutschland vor allem sogenannte Normalarbeitsverhältnisse: sozialversichert und unbefristet. Die viel kritisierte „atypische Beschäftigung“ ist sogar auf dem Rückzug. Schon die Begrifflichkeit in schönstem Beamtendeutsch spricht Bände: Sie sammelt einfach alles ein, was nicht mehr in das Denkschema des zwanzigsten Jahrhunderts passt. Warum etwa ist eine Mutter, die nach der Babypause mit 20 Wochenstunden in ihren Beruf zurückkehrt, atypisch? Oder der Zeitarbeiter, der Vollzeit und unbefristet angestellt ist und zum ausgehandelten Tariflohn eingesetzt wird?

          Atypische Beschäftigung stagniert

          Wer permanent die These vom wachsenden Arbeitsprekariat in Deutschland vertritt, der spielt auch leichtfertig mit den Ängsten der Menschen. Natürlich verändern sich die Bedingungen in der Arbeitswelt permanent, wer wollte das schon leugnen. Dazu gehört etwa, dass die Zahl der Befristungen gestiegen ist. Während ein großer Teil schon durch Vertretungen etwa für Elternzeiten seine logische Begründung findet, steigen heute auch junge Leute häufiger als früher in den Arbeitsmarkt zunächst nur auf Zeit ein. Zur Wahrheit gehört aber genauso, dass jede zweite Befristung anschließend entfristet wird. Die teilweise hysterisch geführte Debatte über eine taumelnde „Generation Praktikum“ vor einigen Jahren fiel vor allem mangels Substanz rasch in sich zusammen. Denn die große Mehrheit der Jungakademiker mutiert im Verlauf ihrer Karriere weder zu unentgeltlichen Dauerpraktikanten noch zu Taxifahrern, sondern ist ausbildungsadäquat beschäftigt.

          Dasselbe gilt auch für das andere Ende des Beschäftigungsspektrums. Wer genau hinschaut, sieht, dass der große Anstieg von Minijobs und Co. auf die erste Hälfte des vergangenen Jahrzehnts fiel, also in die Zeit nach dem Platzen der Dotcom-Blase und die großen Restrukturierungen in der deutschen Wirtschaft. Seit den Anfängen des ersten Aufschwungs im Jahr 2006 stagniert die atypische Beschäftigung dagegen.

          Verlust des Niedriglohnsektor könnte gefährlich werden

          In einem Punkt haben die Dauernörgler allerdings recht: Der Arbeitsmarkt steht trotz der Erfolge auch künftig vor großen Herausforderungen. Eines der Probleme ist allerdings nicht, dass Deutschland einen Niedriglohnsektor hat, sondern dass es ihn womöglich bald nicht mehr haben wird. Mindestlöhne auf der einen und wirtschaftlicher Strukturwandel auf der anderen Seite drängen diesen Einstiegsarbeitsmarkt für viele Geringqualifizierte und (Langzeit-)Arbeitslose vehement zurück. Gerade diese Gruppen dürften in Zukunft jedoch die größten Probleme haben. Denn während sich Unternehmen um Akademiker und Facharbeiter einen zunehmend härteren Wettbewerb liefern werden, droht gleichzeitig ein Szenario von verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit unter Schlecht- und Geringqualifizierten.

          Deshalb gilt es erstens, die Gruppe von Schulabgängern ohne Abschluss zu verkleinern. Die Zahl liegt mit fast 50.000 noch immer viel zu hoch. Da es aber wohl immer auch Abgänger ohne formelle Abschlüsse geben wird, müssen zweitens Wege existieren, damit sie ihre Fähigkeiten Arbeitgebern trotzdem präsentieren und sich im Job weiterentwickeln können. So können nicht nur Hartz-IV-Karrieren verhindert, sondern auch Fachkräfte für die Wirtschaft gewonnen werden. Für diese Personen wird eine Beschäftigungsform jenseits des klassischen Normalarbeitsverhältnisses oft die einzige Eintrittsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt sein. Typisch atypisch eben.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson

          Brief an Tusk : Johnson will Brexit-Deal neu verhandeln

          Bisher wollte der britische Premier sein Land auch ohne Deal aus der EU führen. Nun schreibt er an EU-Ratspräsident Tusk, ein Abkommen habe „oberste Priorität“. Zugleich fordert er, die Backstop-Regelung zu streichen – und schlägt Alternativen vor.
          Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

          F.A.Z.-Sprinter : Eine Ursula-Koalition für Italien?

          In Italiens Regierungskrise entscheidet sich, ob es Neuwahlen gibt, „Fridays for Future“ feiert Geburtstag – und in Brandenburg denkt man über eine Kenia-Koalition nach. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.