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Angst vor Wahl in Frankreich : Wenn der Euro untergeht

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Solche Warnungen gab es zwar auch vor dem Brexit-Referendum, hinterher blieben die Börsen viel ruhiger als befürchtet. Aber Großbritannien war nie ein Mitglied der Währungsunion, es ist mit den übrigen Ländern des Kontinents auch nicht so eng verflochten wie Frankreich, und es spielte in der EU bei weitem nicht so eine zentrale Rolle.

Auch das Ausstiegsszenario der Niederländer sieht Ifo-Chef Fuest weniger dramatisch als bei den Franzosen, die als zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone 20 Prozent der Wirtschaftsleistung stellen. „Wenn die Niederlande aus der Währungsunion austreten, wäre das zwar ein schwerer Schlag für den Euro und die EU, aber der Euro wäre in seiner Existenz nicht bedroht.“ Die Niederlande sind zwar auch nicht zu verachten als fünfgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion. Aber ihre Unternehmen sind sehr exportorientiert. Geert Wilders weiß das natürlich, er hat ein Interesse daran, dass die Niederlande weiter freien Handel mit der EU treiben können. Marine Le Pen dagegen schlägt derart protektionistische Töne an, dass sie im Fall eines Wahlsiegs kaum so verhandlungsbereit sein dürfte wie Wilders.

Deutschland sitzt auf Forderungen von 743 Milliarden Euro

Selbst die Europäische Zentralbank beschäftigt sich öffentlich mit dem Ausstieg eines Eurolandes. Ihr Chef Mario Draghi hat im Januar an italienische Abgeordnete einen Brief geschickt. „Sollte ein Land das Eurosystem verlassen, müsste dessen Nationalbank die Ansprüche oder Verbindlichkeiten mit der Europäischen Zentralbank vollständig ausgleichen“, schreibt Draghi. Das ist als Warnung gedacht – und zeigt zugleich: Dass die grenzüberschreitenden Verbindlichkeiten beglichen werden, ist alles andere als selbstverständlich.

Das ist vor allem für Deutschland ein Problem, dessen Forderungen im Verrechnungssystem der Zentralbanken sich auf 743 Milliarden Euro belaufen. Im Falle einer großen Kapitalflucht nach Deutschland würde dieser Betrag noch einmal deutlich ansteigen. Ifo-Chef Fuest fordert deshalb, genau das durch entsprechende Regelungen zu verhindern. Wer sein Geld nach Deutschland transferiere, dürfte nicht davon ausgehen, dafür im Fall des Falles automatisch eine harte Mark zu bekommen. Er schlägt stattdessen die Auszahlung eines Währungskorbs vor. Der Euro würde dafür in seine Bestandteile zerlegt, so wie er einst zusammengefügt worden ist. „Ansonsten wäre das eine riesige Gefahr für Deutschland, weil die Bundesbank dann viele ausstehen Forderungen hätte, die nicht bedient würden“, sagt Fuest.

Angesichts solcher Perspektiven betonen die drei befragten Ökonomen, dass sie einen Sieg Le Pens nicht als das wahrscheinliche Szenario betrachten. Und die neue Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries hofft im F.A.S.-Interview auf einen heilsamen Schock durch Trump. „Die Leute sehen, was eine solche Politik in der Praxis bedeutet“, sagt sie. Und dann schiebt sie noch einen Satz hinterher: „Ich bin sicher, dass Marine Le Pen in Frankreich nicht gewinnt.“ Es klingt wie eine Beschwörung.

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