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Analyse : Die Türkei hat ihre Wirtschaft umgebaut

Bild: F.A.Z.

Seit 2001 wächst die türkische Wirtschaft jedes Jahr zwischen 5 und 10 Prozent. Mit ihren Reformen hat die Türkei einen Schlußstrich unter die volatilen neunziger Jahre gezogen. Volkswirtschaftliche Kerndaten belegen die Aufbruchstimmung.

          Lange hatte die Wirtschaft als das höchste Hindernis für einen EU-Beitritt der Türkei gegolten. Weitgehend beseitigt haben diese Hürde aber in den vergangenen Jahren der kräftige Aufschwung, der 2002 einsetzte, und die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen. Alle Fortschrittsberichte der Europäischen Kommission zur Türkei hatten zwar schon immer gelobt, daß die Märkte funktionieren und der institutionelle Rahmen für eine voll funktionsfähige Marktwirtschaft gestärkt wurde. Wie ein roter Faden zog sich aber die Kritik am Fehlen stabiler und berechenbarer gesamtwirtschaftlicher Rahmenbedingungen durch die Stellungnahmen der EU.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nun bescheinigt der jüngste Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) der Türkei für die vergangenen drei Jahren eine „eindrucksvolle“ wirtschaftliche Leistung. Die Wirtschaft sei inzwischen so „robust“, daß sie auf exogene Schocks wie den Konflikt im benachbarten Irak nicht mehr reagiere. Entscheidend für diese Stabilisierung war, daß die Wirtschaft im Vertrauen auf eine kommende EU-Mitgliedschaft gehandelt hat. Sollte dieser "Anker" EU wegfallen oder zumindest in sehr weite Ferne rücken, würde viel davon abhängen, ob die Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan sich weiter an dem Regelwerk der EU orientiert und ihre Reformpolitik fortsetzt.

          Kerndaten belegen die Aufbruchstimmung

          Die gesamtwirtschaftlichen Kerndaten belegen die Aufbruchstimmung, die der IWF konstatiert. Seit 2001 wächst die türkische Wirtschaft jedes Jahr mit einer Rate zwischen 5 und 10 Prozent. Damit übertrifft sie den Durchschnitt der OECD-Industriestaaten um das Zwei- bis Dreifache. Stabil wie nie ist die einst von Schwindsucht befallene türkische Lira. Als Zeichen des Vertrauens der Türken in ihre Wirtschaft gilt, daß ihre Währung gegenüber dem Euro heute denselben Wert hat wie Ende 2001. Der Index der Börse Istanbul legte in den vergangenen zwölf Monaten um 50 Prozent zu. Seit 2001 hat sich der Index sogar verfünffacht.

          Einen steilen Aufwärtstrend verzeichnen die Privatisierungserlöse und die Kapitalzuflüsse. Allein in diesem Jahr hat die Türkei bisher Privatisierungserlöse von 16 Milliarden Dollar erzielt, weit mehr als in jedem Jahr zuvor. Ein Großteil des Kapitals fließt von ausländischen Direktinvestoren zu. Nach IWF-Angaben erreicht die Türkei in diesem Jahr ein Pro-Kopf-Einkommen von 5100 Dollar. 1999 waren es nur 2900 Dollar. Die EU-Kommission hat festgestellt, daß die Türkei den Übergang von einer agrar- zu einer dienstleistungsorientierten Wirtschaft fortsetzt. Seit 1999 nahm der Anteil der Erwerbsbevölkerung in der Landwirtschaft von 40 auf gut 30 Prozent ab. Parallel stieg der Anteil der Beschäftigten in den Dienstleistungen auf deutlich über 40 Prozent.

          45 Prozent der EU-Farbfernseher produziert

          Ein Indiz für die Wettbewerbsfähigkeit der Türkei ist der Export. Der IWF erwartet in diesem Jahr Exporterlöse von 68 Milliarden Dollar, das ist das Zwanzigfache des Werts von vor einem Vierteljahrhundert. Neben den Branchen Textilien und Bekleidung hat sich die Automobilindustrie zum wichtigsten Exportmotor entwickelt. Die Türkei liefert in die EU Personenwagen und Nutzfahrzeuge, aber auch hochwertige Produkte wie Speichereinspritz-Dieselinjektoren. In der Türkei werden 45 Prozent der in der EU verkauften Farbfernsehgeräte produziert. Zu einem großen Teil sind sie mit LCD- oder Plasmabildschirmen ausgestattet.

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